zur Navigation springen
Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

20. November 2017 | 05:18 Uhr

Witzin : Das Alphorn kam aus dem Norden

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Der geschichtliche Kreis um das Mecklenburger Alphorn hat sich geschlossen

svz.de von
erstellt am 11.Mär.2017 | 16:00 Uhr

In Mecklenburg-Vorpommern erzeugte vor zwei Jahren ein Bericht über das „Mecklenburger Alphorn“ viel Aufmerksamkeit. Wie kommt man dazu, außerhalb der Alpen in einem fernen Bundesland, diesem Instrument auch seinen Namen zu geben? Und die Nachforschungen nahmen seinen Lauf! Die Recherchen begannen ausgerechnet bei unserem Schriftsteller Fritz Reuter. In einem seiner Werke, „Meine Vaterstadt Stavenhagen“, hat er ganz genau beschrieben, wie er gemeinsam mit seinem Vater im Jahre 1820 in seiner Geburtsstadt das „Mecklenburger Alphorn“ erlebte. Der Eremit und stadteigene Kuhhirte Adam Friedrich Kliefoth baute also vor ca. 200 Jahren das erste urkundlich erwähnte „Mecklenburger Alphorn“ und verstand es vorzüglich zu spielen. Fritz Reuters detailgetreue Schilderung führte jüngst zu einer modernen Umsetzung des Alphorns in unserem Land und beflügelte eine weitere Spurensuche in Mecklenburg-Vorpommern. Mit erstaunlichem Erfolg.

Denn, nahe der Stadt Parchim, wurde von 1981 bis 1999 im sogenannten Alten Eldebogen eine jungslawische Feuchtbodensiedlung von Parchim-Löddigsee ausgegraben. Dieser historische Siedlungsplatz brachte auch für die Geschichte des Alphorns im Allgemeinen ein einmaliges Forschungsergebnis.

Die Archäologin Dietlind Paddenberg fasste in ihrer Doktorarbeit auch die Ergebnisse aller angefallenen Informationen zu den dort vor über eintausend Jahren vorhandenen und gebrauchten archaischen Gegenständen zusammen. Der heute fünf Kilometer entfernt liegende frühslawische Siedlungsplatz war der auffälligste Handelsplatz im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Hier kreuzten sich zahlreiche Handelswege von Nord nach Süd und von West nach Ost, das belegen zahlreiche Funde. Besonders auffallend war der markante Fund von Beweisen, dass die Beziehungen dieser Siedlung in alle Richtungen ging, besonders aber von und nach Skandinavien. Von hier stammen viele archaische Musikinstrumente, wie die Luren, Knochenpfeifen, Hirtenhörner usw. Nachweise ergaben auch, dass sich von Parchim-Loddingsee Signalhörner, die aus dem schwedischen Lund (11. Jahrhundert) stammten, über Parchim in ganz Europa Einzug hielten. Dazu gehört auch der Sensationsfund von Parchim-Loddingsee, ein hölzernes Hirtenhorn aus dem 11. Jahrhundert. Es beweist die Existenz und den Gebrauch alphornähnlicher Holzblasinstrumente im Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns bereits Ende des neunten Jahrhunderts. Die Technik zusammengesetzter Holzblasinstrumente ist schon seit dem 5. Jahrhundert bekannt.

Und so kommt Franz Schüssele, der bekannte „Alphornpabst“ aus dem Alpenland zur Erkenntnis, dass das Parchimer Horn als ein Bindeglied zwischen den Holzblasinstrumenten Skandinaviens, des Ostens und des Alpenraumes sei. Also historisch gesehen, hat das Alphorn seinen Weg aus dem heutigen Raum Parchim in die Alpenregion angetreten. Die Frage, wo das Alphorn erfunden wurde, scheint auch für Schüssele sinnlos zu sein. Es wurde an vielen Orten der Welt nahezu zeitgleich gebaut und vorwiegend zu kultischen Zwecken benutzt.

Die Wiederentdeckung und Wiederbelebung einer in Mecklenburg-Vorpommern fast vergessenen volksmusikalischen Tradition löste in den letzten Jahren umfangreiche ehrenamtliche Initiativen aus, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt in einem gesammelten Werk „Die Renaissace eines nordischen Naturhorns in Mecklenburg“ mit seiner Geschichte, einer Dokumentation zum Alphorn-Originalnachbau und in über 90 eigenen Mecklenburger Alphornmelodien seinen vorläufigen Abschluss gefunden hat.

Somit haben Fritz Reuters Erinnerungen und die Ausgrabungsergebnisse von Parchim-Löddingsee wesentlich zur Renaissance des Mecklenburger Alphorns und damit zur Pflege eines heimatlichen Kulturgutes beigetragen.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen