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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

18. Oktober 2017 | 18:52 Uhr

Woserin : Beim Korbmacher alles in einer Hand

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Ralf Eggert aus Woserin baut sein Arbeitsmaterial selbst an. Am Sonnabend stellte er den Beruf im Bildungszentrum der Schweriner Handwerkskammer vor.

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erstellt am 19.Jan.2014 | 19:12 Uhr

Schon an drei Tagen in diesem Jahr hat Ralf Eggert Weidenruten geschnitten. „Weil das Wetter so schön war. Bei Frost sollte man es nicht machen.“ Haupterntezeit ist normalerweise gegen Ende Februar, bevor die Gehölze im Saft stehen und durch das Schneiden Schaden nehmen könnten. Der Korbmachermeister aus Woserin baut die Weiden, sein Arbeitsmaterial, selbst an. „Die Pflanze wächst immer wieder nach, das ist nachhaltig, ein perfekter Kreislauf“, findet Eggert. Und damit sei alles in einer Hand.

Am Sonnabend stellte er seine traditionelle, aber selten gewordene Tätigkeit beim Tag der offenen Tür im Bildungszentrum der Schweriner Handwerkskammer vor und machte gleichzeitig Werbung in eigener Sache. „Ich möchte junge Leute anregen, einen solchen Beruf in Erwägung zu ziehen. Er kann Erfüllung sein. Man ist kreativ und sein eigener Herr“, erklärt der 50-Jährige. An seinem Stand hat er Informationsblätter der Staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung im oberfränkischen Lichtenfels ausgelegt. In kurzer Zeit sind bereits einige mitgenommen worden, freut sich der Korbmachermeister. Ina Henning findet „sehr interessant“, was sie und ihr Sohn Hannes, der dieser Tage 15 wird, aus erster Hand erfahren. Beide wollen sich informieren und nach Praktikumsplätzen umsehen. „Mit vielen heutigen Berufen kann man nichts anfangen. Wir wollen mal wissen, was dahinter steckt. Dafür ist die Messe wirklich gut. Und dass traditionelles Handwerk wie dieses vorgestellt wird, passt dazu“, sagt die Schwerinerin.



Eine Nische gefunden, die keiner bedienen kann




Obwohl er die Befähigung in der Tasche hat, bildet Ralf Eggert nicht selbst aus. „Dazu ist die Auftragslage zu ungewiss“, nennt er als Grund. Es gäbe Zeiten, da hätte ein Auszubildender keine Arbeit, Bezahlung würde ihm dennoch zustehen. So bleibt es beim Ein-Mann-Betrieb. 2005 hat sich der gebürtige Havelberger, der zwei Jahrzehnte in Dresden verbracht hat und seit zehn Jahren in Woserin lebt, selbstständig gemacht. „Ich hatte mir sieben Jahre gegeben und wollte dann sehen, wie es läuft. Die ersten vier waren nicht einfach. Ich musste mich selbst entwickeln, eine Produktpalette erarbeiten, die gefragt ist und auf dem Markt Bestand hat, und ich musste erst bekannt werden. Das war genauso wichtig. Heute bin ich zufrieden“, sagt Eggert. Er habe eine Nische gefunden, die keiner bedienen kann, obwohl heute beinahe an jeder Ecke Körbe angeboten werden. „Von mir bekommen die Kunden gutes Handwerk, individuelle Fertigung und daher ein Einzelstück.“ Bei der Frage, ob in seiner Arbeit Handwerk und Kunst ineinander fließen, wehrt Eggert ab. „Als Künstler sehe ich mich nicht. Ich habe schon den Anspruch, hochwertiges Handwerk zu betreiben, aber mehr im Sinne des Bauhauses Dessau mit Design verbunden.“

Märkte seien die beste Eigenwerbung. „Die Leute müssen sehen, wie ich arbeite. Gute Qualität spricht sich weiter.“ Und schon mancher, der zunächst nur den Flyer eingesteckt habe, erinnere sich später an ihn und bestelle das, was er dann brauche, ob Kaminkorb oder Spezielles für Garten und Terrasse.

2010 war der Woseriner von der Korbmachervereinigung Dänemarks eingeladen und 2011 zum internationalen Flechtertreffen bei Barcelona. Deutschland sei dort in dem Jahr Schwerpunkt und er einer von fünf Teilnehmern gewesen. „Das hat sich so ergeben. Man kennt sich in dem Handwerk.“ Landesweit gäbe es derzeit fünf Korbmacher, nachdem in Rostock „eine junge Kollegin“ dazu gekommen sei. Und einen „sehr guten Kollegen“ habe er gleich in der Nähe, Wolf Schröter in Rothener Mühle. „Ich bin in MV jedoch der Einzige, der in diesem Umfang produziert“, sagt Ralf Eggert. Umso mehr wünschten sich er und seine Frau, die Keramikerin Katrin Otolski, ein Hinweisschild an der ca. zwei Kilometer entfernten Bundesstraße, auf der zahlreiche Touristen unterwegs sind. Die Behörden hätten den Antrag jedoch abgeschmettert und ebenso den Einspruch dagegen. „Es führt kein Weg rein. Ich verstehe das nicht“, ärgert sich der Korbmacher. Auf dem angrenzenden Acker könne er nach Absprache mit dem Landwirt ein Schild aufstellen. „Aber das will ich nicht“, sagt Eggert entschieden. Es müsse doch ganz normal möglich sein, einen einfachen Hinweis anzubringen. „Die Behörden sollten die Leute, die vor Ort arbeiten, besser unterstützen.“ Der Handwerkerhof sei schließlich eine touristische Besonderheit in der Region.



Tradition des Flechtens wurde nicht weitergegeben




Zweimal im Jahr bietet Eggert in Gahlkow am Greifswalder Bodden Wochenend-Kurse an. Er werbe dafür wie für seine Korbwaren auf Märkten und im Internet. Die Teilnehmer kämen teils aus einem Umkreis von mehr als 100 Kilometern. „Das sind Leute, die mal was anderes machen wollen oder Lust haben, sich handwerklich zu betätigen.“ Früher sei in vielen ländlichen Regionen geflochten worden, meist für den Eigenbedarf. Leider sei diese Tradition nicht weitergetragen worden, bedauert der Woseriner.

Ihm war, als er von 1985 bis 1990 in Dresden Berufspädagogik für Bauberufe studierte, mittendrin angeboten worden, nach dem Abschluss Korbmacher zu unterrichten. Es habe DDR-weit nur einen Lehrer in Heringsdorf gegeben, und dieser stand kurz vor der Rente, so dass ein Nachfolger gesucht wurde. „Nach reiflicher Überlegung habe ich zugestimmt, aber nur, wenn ich das Handwerk erlernen könnte“, erzählt Eggert. So absolvierte er neben dem Studium seine praktische Ausbildung. Korbmacher klinge zwar irgendwie exotisch, er sei zu der Zeit jedoch weiter verbreitet gewesen als gedacht; denn Importe wie heute habe es kaum gegeben. Allein in Dresden existierten damals
18 Ausbildungsbetriebe für diesen Beruf.

Die nächsten Termine, an denen Ralf Eggert unterwegs ist, stehen schon fest: Mitteldeutscher Korb- und Pflanzenmarkt am letzten April-Wochenende in Blankenhain bei Zwickau, gleich darauf am 1. Mai wie jedes Jahr Töpfermarkt in Lenzen und Hansetage vom 22. bis
25. Mai in Lübeck.

 

 

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