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Geologische Landessammlung in Sternberg : Bei altem Gestein in der Zukunft lesen

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Die geologische Landessammlung in Sternberg wächst weiter. In diesem Jahr kam bereits Gesteinsmaterial aus 100 Bohrungen in der Ostsee hinzu. Daran wird der Baugrund im Arkona-Becken auf seine Stabilität untersucht.

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erstellt am 15.Aug.2013 | 10:21 Uhr

Sternberg | Die geologische Landessammlung in Sternberg wächst weiter. In diesem Jahr kam bereits Gesteinsmaterial aus 100 Bohrungen in der Ostsee hinzu, pro Bohrung 50 bis 60 Meter. Daran wird der Baugrund im Arkona-Becken nordöstlich von Rügen, wo ein Windpark vorgesehen ist, auf seine Stabilität untersucht. "Das ist gutes Material, das sich für die Forschung eignet. Es reicht von der Eiszeit bis zur Kreide. Wir haben mit dem Unternehmen vereinbart, dass wir die Proben mit nutzen können", erklärt Dr. Karsten Obst, der Fachmann für Tief- und Untergrund beim Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (Lung) in Güstrow. Zuvor wurden 700 Bohrmeter für den Untergrundspeicher Möckow bei Greifswald in Sternberg eingelagert.

Die Außenstelle ist das geologische Gedächtnis des Landes, aber keine Sammlung wie im Museum. "Wir haben einige historische Stücke, der älteste Bohrkern ist von 1880 vom Salzstock bei Lübtheen, doch Zweck ist die Nutzung der Gesteinsproben, und die wird immer vielfältiger", sagt Obst. In den 1960er-Jahren sei es richtig losgegangen, als die DDR im Norden auf der Suche nach Erdöl war. Bislang lagerten in Sternberg rund 70 000 Meter Gesteinsmaterial aus Bohrkernen.

Anfragen kämen vor allem von Universitäten und Firmen. Bei zehn bis zwölf größeren Projekten im Jahr würden Hunderte von Kisten ausgelegt, überschlägt der Hüter der Sternberger Landessammlung. Es gäbe Forschungsbohrungen, an die jeder komme, die von Unternehmen blieben oft unter Verschluss, um der Konkurrenz keine Informationen zu liefern. Eine deutsch-kanadische Ölfirma habe bei Barth die erste abgeteufte Horizontalbohrung in die Erde gebracht. 2000 Meter sei es senkrecht nach unten gegangen, dort zunächst schräg weiter, sozusagen um die Kurve, und schließlich 1000 Meter waagerecht. Bei diesem Verfahren würden viele kleine Lagerstätten entdeckt. 14 Millionen Tonnen Öl gelten als förderbar, sagt der Geologe. Das sei in MV eine riesige Dimen sion, nachdem zuvor in 50 Jahren ganze zwei Millionen gefördert worden seien. Und dieses leichte Erdöl, betont Obst, komme keineswegs nur zum Verheizen in Frage, sondern mehr noch als Rohstoff für eine Vielzahl von Produkten.

Bei den Bohrungen sei es immer um die Erkundung von Lagerstätten gegangen. Hier zu Lande wird beispielsweise seit 100 Jahren Erdöl gesucht. Doch mittlerweile gehen die geologischen Erkundungen in weit mehr Richtungen. So wird Thermalwasser aus der Tiefe schon seit 1984 in Waren und seit 1995 in Neustadt-Glewe genutzt, wo 2004 auch das erste Geothermie-Kraftwerk in Betrieb ging. Die Energiewende stelle jetzt viel weiter gehende Anforderungen, sagt Karsten Obst. So werden im Untergrund weitere Zwischenspeicher für Erdgas benötigt, das über Pipelines ins Land kommt.

Vor allem, um Lieferengpässe oder Störungen überbrücken zu können, aber auch, um bei günstigen Preisen über den Bedarf hinaus einzukaufen. Alternativ könnte Druckluft in die Kavernen unter der Erde gepresst werden, die beim Ablassen Turbinen antreibt und so Strom erzeugt. Als weiteres Beispiel nennt der Geologe die Speicherung von elektrischer Energie aus Wind- und Solarkraftwerken als Methan. Bei dem Verfahren wird industriell anfallendes Kohlendioxid verwendet. "Das ist gegenwärtig ein ganz großer Hit. Dazu läuft ein umfangreiches Forschungsprojekt des Bundes", so Obst.

Am Tag der offenen Tür im Sternberger Bohrkernlager erläuterte der Experte, wie bei dem alten Gestein buchstäblich in der Zukunft gelesen wird. Doch auch weniger wissenschaftliche Interessen kamen nicht zu kurz. Kilian (7) und sein Bruder Till (6) kramten unentwegt in der Kiste mit Steinen, die bei Johannes Kalbe stand. Der 33-Jährige, der Zahntechniker gelernt, auf dem Bau und als Museumspädagoge gearbeitet, aber dann Geologie studiert hat, unterstützte die Lung-Mitarbeiter. Über 4000 Steine aus seiner Sammlung habe er nach Sternberg gegeben, "weil sie hier am besten aufgehoben sind". Der gebürtige Rostocker schreibt seine Dissertation an der Uni Potsdam, ist derzeit jedoch mit Shimon (elf Monate) im Elternurlaub bei der Freundin in Rostock.

Bei ihm habe es mit sieben Jahren auch so angefangen, sagt er schmunzelnd, als Ellen Kollrep, die Mutter der beiden Steppkes, erzählt, dass jeder von den Jungs zu Hause eine Schatzkiste mit Steinen hat. Kilian habe sie "angestiftet", nach Sternberg zu fahren. "Er sammelt viel, findet auch interessante Dinge; und mit Opa Ulli wird dann recherchiert." In der Schulzeit habe sie sich überhaupt nicht für Steine interessiert, in letzter Zeit aber so manches angelesen, um diese Welt ein wenig "verstehen und den Kindern erklären zu können", erzählt die Physiotherapeutin und findet dieses Gebiet inzwischen "richtig spannend". Sie habe auch Kontakt zu einer Gruppe von Fossiliensammlern aufgenommen. Das Interesse der beiden Jungs wird belohnt: Jeder kann einen Stein, der ihm besonders gefällt, mit nach Hause nehmen.

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