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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

15. Dezember 2017 | 19:00 Uhr

Warin : „Außen lächeln, innen schreien“

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Nutzer der Tagesstätte „Zur Mühle“ in Warin fühlen sich dort „aufgefangen“ . Hier werden Menschen mit psychischen Problemen fachgerecht betreut.

von
erstellt am 22.Okt.2015 | 21:23 Uhr

Der Vortrag interessiert Mo Wieczoreck. Das Thema: „Herbst – bunt aber dunkel“. Mit Beginn dieser Jahreszeit nehmen ihre Depressionen extrem zu, wie sie sagt. Es brodelt dann förmlich in ihr. Vor einem Jahr war die 53-Jährige deshalb in der Klinik in Wismar. Heute geht es ihr etwas besser. Sie hofft deshalb, den Nachmittag mit Vortrag und Gesprächsrunde durchzustehen. Ihr fällt es schwer, unter so vielen Menschen zu sein. Und der Raum ist voll.

Mo Wieczoreck besucht seit Juli die Tagesstätte „Zur Mühle“ in Warin, eine Einrichtung des Vereins „Das Boot“ Wismar e.V. Der Fahrdienst bringt sie dorthin. Einen Monat war Probe, ob sie durchhält. Sie hat. Ein Jahr ist die Betreuung dort vorgesehen. Und die tut ihr gut. „Ich werde aufgefangen. Das ist das Erste, was ich empfinde, wenn ich hier eintreffe“, sagt die Wismarerin mit ruhiger Stimme. Und sie grübele hier weniger, gewöhne sich langsam daran, unter Menschen zu sein. „Wir machen soziales Kompetenztraining und viele Angebote, die man nutzen kann, wenn man will. Oder man geht in den Ruheraum, kann allein sein, weiß aber, dass jemand da ist“, erklärt Katja Meißner, die Leiterin der Tagesstätte.


Der Hund hört zu, kann aber nicht antworten


In der Gemeinschaft sei sie „ganz anders motiviert“, zu basteln oder mit Ton zu arbeiten. Letzteres macht Mo Wieczoreck besonders gern. Hauswirtschaft, ein Zuverdienstprojekt, sei dagegen nicht so ihr Ding. Sie beteiligt sich aber auch daran und „möchte dann gelobt werden“, erzählt sie mit leisem Lächeln.

Zu Hause lebt Wieczoreck allein. Nicht ganz, Leila sei zu einem guten Freund geworden, eine Mischung aus Border Collie und Dackel. „Ohne sie geht nichts“, sagt die Frau. Der Hund könne zuhören, aber nicht antworten. Manchmal bringe sie Leila mit nach Warin, „alle lieben sie“, freut sich Wieczoreck.

Nachts lässt sie das Licht an. Das hilft ein wenig gegen Angstzustände und wahre Panikattacken, doch die kommen immer wieder. Sie resultieren aus Traumata, die lange zurückliegen. Die 53-Jährige kann nicht allein einkaufen oder zum Arzt gehen, ein Betreuer begleitet sie. Sitzhocker und Schublade waren voller Papiere und ungeöffneter Briefe, auch von Behörden. Das brachte weitere Probleme. „Kein leichter Fall“, bestätigt Katja Meißner. Sie war vor sieben Jahren die erste Kontaktperson für Mo Wieczoreck. Diese hätte nie von sich aus Hilfe gesucht, „ihr Recht eingefordert“, ist Meißner überzeugt. Sie hatte das von einer Nachbarin erfahren, wusste aber auch, dass es für manchen unglaublich schwer ist, Hilfe anzunehmen, jemanden zuzulassen, der ins Leben eintritt. „Die ersten beiden Stunden haben wir uns angeschwiegen“, erinnert sich Meißner. Vertrauen wächst ganz langsam.

Wieczoreck, in Berlin geboren und in Schwerin aufgewachsen, hat zu DDR-Zeiten als Fachverkäuferin gearbeitet, dann in der Kinderkrippe und sich zuletzt nur noch mit Minijobs über Wasser gehalten. Bis es 2006 nicht mehr ging. Ein richtiges Leben war es längst nicht mehr. 1998 war die Erkrankung offen zutage getreten, bei der Diabetes-Einstellung im Krankenhaus. „Vorher habe ich alles verdrängt, einfach nur funktioniert, war ein Robot“, sagt die Mutter von zwei Kindern. „Nach außen lächeln, nach innen schreien“, so lässt sich ihr Gemütszustand kurz beschreiben. Sie weiß, dass sie nicht ganz davon los kommt, will aber lernen, besser damit umzugehen.

Genauso sieht das Martina Krause, die seit etwa einem Jahr die Wariner Einrichtung nutzt. Sie hatte bereits früher seelische Probleme und ging in eine Tagesstätte. Vier Jahre war alles gut gelaufen, bis ein Rückfall kam mit Angstzuständen, Depressionen und Albträumen. Die Angst ist ihr Begleiter, sagt sie. 2011 war die inzwischen 52-Jährige von Lübeck nach Warin gezogen, jetzt wohnt sie in Wendorf bei Wismar. Ein Umzug, der ihr „aus heutiger Sicht nicht viel gebracht hat“. Sie fühlt sich dort noch einsamer, hat Stimmen im Kopf, die gar nicht da sind, ist fast unerträglich nervös geworden. Fernseher und Laptop sind ständig in Betrieb. Hinzu kam noch, dass in diesem Jahr ihr Vater starb und sie nicht einmal Abschied nehmen konnte, als er auf See bestattet wurde.


Den Nachmittag bis zum Schluss durchgehalten


Viel Spaß macht es ihr, im Laden zu arbeiten, selbst wenn mehrere Leute da sind. Bei einer Kundin, die nichts dafür konnte, bekam sie Panik und Angstzustände. „Ich bin nach hinten gegangen und habe eine Tablette genommen. Dadurch fiel das vielleicht nicht auf“, hofft Krause. Und da kommt es bei ihr wie bei Wieczoreck durch: Funktionieren, da sein müssen, sich selbst Schuld einreden, „wenn man die Leistung, die man sich selbst setzt, nicht bringt. Man fühlt sich überflüssig und fragt sich,
warum bin ich auf der Welt.“

Die Tagesstätte, die sich solcher Menschen mit psychischen Problemen annimmt, ist seit ihrer Eröffnung Anfang März 2014 gewachsen und
betreut aktuell neun Nutzer. Mo Wieczoreck hat den Nachmittag durchgehalten, den Vortrag von Ärztin Anja Smid aus dem Sana-Hanse-Klinikum Wismar verfolgt und an der Gesprächsrunde teilgenommen – bis zum Schluss unter den vielen Leuten.

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