Aufklärung auf Augenhöhe

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30. Oktober 2010, 01:57 Uhr

Schwerin | Sie sind gerade 15 oder 16 Jahre alt, aber sie kennen sich beim Thema Sexualität gut aus. So gut, dass sie Gleichaltrige aufklären und unbefangen mit ihnen über das erste Mal, über Verhütung, Aids oder Homosexualität sprechen können. "Peers" (Ebenbürtige) nennen sie sich und können von Schulkassen für eine oder mehrere Stunden gebucht werden. Das in Schwerin bislang einmalige Projekt trägt den Namen "Die Schützlinge".

Ersonnen haben das Konzept die beiden Schulsozialarbeiterinnen Melanie Parys von der Erich-Weinert-Schule und Susan Meusch vom Sonderpädagogischen Förderzentrum Schule am Fernsehturm. "Die Idee stammt ursprünglich aus England", erklärt Melanie Parys. "Dort wollte man dem Phänomen entgegensteuern, dass überdurchschnittliche viele Minderjährige Mütter wurden und hat Gleichaltrige als Berater geschult. Mit Erfolg." Ungewolltem Babysegen vorzubeugen ist nicht das Hauptanliegen in Schwerin, doch die Wissenslücken rund ums Thema Sexualität seien noch erstaunlich hoch, weiß Parys aus Erfahrung zu berichten. "Die Jugendlichen reden zwar ständig über Nacktheit und Sex, aber in Wirklichkeit wissen sie weniger als es den Anschein hat." Zum Thema Verhütung fallen den meisten gerade mal Pille und Kondom ein. Über Aids, Geschlechtskrankheiten oder die eigentliche Bedeutung der gängigen Schimpfworte seien die Jugendlichen von heute erschreckend schlecht informiert. Und auch eine Menge Vorurteile gelte es auszuräumen.

"Sozialarbeiter oder Lehrer können noch so cool sein - die Hemmschwelle, über gewisse Themen zu sprechen, ist unter Gleichaltrigen einfach geringer", sagt Melanie Parys. "Schüler reden miteinander, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und halten mit ihrer Meinung nicht hinter den Berg. Ich kann mir ,Peers für viele Bereiche vorstellen."

Jetzt sollen sich aber erst mal "Die Schützlinge" bewähren. Dahinter verbergen sich zwölf Jugendliche von fünf verschiedenen Schweriner Schulen. Ihre Ausbildung erfolgte in zwei Seminaren in Dreilützow, finanziert als Gemeinschaftsprojekt vom Schweriner Jugendamt sowie die Fortbildungswerkstatt "Camino" aus Berlin. Zuerst gab es das nötige Hintergrundwissen zum Thema selbst, dann überlegten sich die Schützlinge, wie sie ihre Mitschüler am besten packen können, ohne dass peinliches Schweigen oder gähnendes Desinteresse entsteht. Was sie erarbeitet haben, ist mit viel Spiel und Humor gewürzt und führt schnell zu einem offenen Gespräch. In den 7. Klassen der Bertolt-Brecht-Schule hatten die "Peers" Premiere.

"Beim Thema Verhütung beispielsweise geben wir jedem Teilnehmer einen Luftballon mit einem Stichwort-Zettel drin. Er muss ihn zum Platzen bringen und dann erzählen, was ihm zum Begriff auf seinem Zettel einfällt", erklärt Andy. Bei "Safer Sex" oder "Missionarsstellung" habe es noch richtige Antworten gegeben, den "Koitus interruptus" kannte allerdings niemand.

Doch bevor überhaupt zu Verhütungsmitteln gegriffen werden muss: Wie stellen sich Schweriner Teenies von heute ihr erstes Mal vor? Auch das wollen die ,Peers wissen - und zum Nachdenken anregen. "Wie die aktuelle Shell-Studie belegt, lassen sich die Jugendlichen heute mehr Zeit", sagt Melanie Parys. Mit 16 oder 17 Jahren schlafen sie zum ersten Mal miteinander - so die Statistik. "Natürlich gibt es auch frühere Erfahrungen oder Jugendliche, die später mit Sex beginnen." Als perfekten Ort wünschen sich die meisten das eigene Bett. Und zum ersten richtigen Freund möchten sie Vertrauen fassen.

Der erste Einsatz hat ihnen Spaß gemacht, das merkt man den "Peers" an, wenn sie über ihre Aufklärungsstunden sprechen. "Wir waren aufgeregter als die Schüler", sagt Andy. Doch was hat ihn, Max, Madeline, Jessica, Hanna, Jenny, Kiara, Bianca, Kathrin, Tini, Jessy und Patricia überhaupt dazu gebracht, mitzumachen? "Die Schulsozialarbeiterin hat mich gefragt und ich habe einfach ja gesagt", erinnert sich Jessica. "Ist doch eine gute Sache. Außerdem habe ich als Gruppenleiterin schon Erfahrungen."

Alle vier bis sechs Wochen treffen sich die "Peers" mit Melanie Parys und Susan Meusch. "Wir hoffen, dass die ,Peers ordentlich nachgefragt werden und dass immer wieder neue nachwachsen - so wie bei den Streitschlichtern", sagt Melanie Parys. Geeignet sind die "Peer"-Projekte für Schüler der Klassen 7 bis 9. Wer sie anfordern möchte, kann sich an "Die Schützlinge" wenden über Melanie Parys, die bei der RAA angestellt ist (0152-07378339), oder Susan Meusch vom Internationalen Bund (0174-5983064).

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