Sternberger Seenland : Artenvielfalt bei Vögeln in Gefahr

Er hält kurz inne, dann sind sie wieder zu sehen – elegant in der Luft schwebende Wespenbussarde. Ein Fernglas liegt bei Dr. Lothar Daubner als begeisterter Ornithologe immer griffbereit.
Er hält kurz inne, dann sind sie wieder zu sehen – elegant in der Luft schwebende Wespenbussarde. Ein Fernglas liegt bei Dr. Lothar Daubner als begeisterter Ornithologe immer griffbereit.

Die „Stunde der Gartenvögel“, eine Aktion des Naturschutzbundes, umfasst drei Beobachtungstage, Dr. Lothar Daubner macht es das ganze Jahr über.

von
16. Mai 2017, 21:00 Uhr

Spatzen lärmen in aller Frühe durch das offene Schlafzimmerfenster, Amseln flitzen auf dem Boden umher und suchen Nahrung, Meisen fliegen von einem Zweig zum anderen. Andere Vögel sind seltener. Welche genau in unserer Umgebung leben, will der Naturschutzbund Deutschland e.V. (Nabu) mehrmals im Jahr in Mitmach-Aktionen erfahren. Bis kommenden Montag können noch die Beobachtungen aus der „Stunde der Gartenvögel“ vom vergangenen Wochenende übermittelt werden.

Dr. Lothar Daubner aus Klein Görnow hält solche meist dreitägigen Aktionen für wichtig, um Menschen für die Natur, für Vögel zu interessieren. Im eigenen Garten zu beobachten, was da alles zwitschert, sei ein Schritt. „Es wäre schön, wenn sich auch Kinder beteiligen“, so Daubner. Was jeder selbst entdecke, bleibe im Gedächtnis.


Balzruf vom Wachtelkönig als Initialzündung


Bei ihm allerdings dauere die Beobachtung und Zählung von Vögeln nicht nur diese drei Tage an, sondern das ganze Jahr. Er ist begeisterter Hobbyornithologe. Begonnen habe es mit zehn Jahren. Aus einem Dorf bei Güstrow stammend, habe ihn ein Nachbarjunge, ein Jahr älter, aber Mitglied einer Arbeitsgemeinschaft, zu einer Abendwanderung eingeladen und mit einem Lockmittel ein wenig nachgeholfen. „Er hat den Balzruf des Wachtelkönigs vorgemacht. Der klingt, als wenn man mit dem Daumennagel über die Spitzen eines Kamms streift. Das war für mich die Initialzündung. Mitunter muss es ein besonderes Erlebnis sein, um für etwas Interesse zu finden.“

Erst in der Arbeitsgemeinschaft der Schule, dann in der Fachgruppe Ornithologie und Naturschutz in Güstrow, die 2017 genau 50 Jahre bestehe, habe ihn diese Thematik nicht mehr losgelassen. „Einmal
Ornithologe, immer Ornithologe.“ Denn keine Tiergruppe sei so vielfältig wie die Vögel, meint Daubner. Ihn fasziniere, wie kommunikativ sie seien. Man höre sie überall, sie verhielten sich auffällig und hätten so unterschiedliche Kleider, eine Art mindestens fünf. Das Gefieder unterscheide sich zwischen jungen, weiblichen und männlichen Vögeln, bei letzteren beiden außerdem zwischen Sommer und Winter. In ihrer Vielfalt seien Vögel am ehesten noch mit Insekten vergleichbar, so Daubner. „Will man seltene Arten nicht nur sehen, sondern auch erkennen, nimmt der Ehrgeiz zu“, hat er bei sich selbst festgestellt. In der Natur verändere sich sehr viel. „Um die Hintergründe zu erfahren, entwickelt sich schon so was wie wissenschaftlicher Ehrgeiz.“ Allerdings bleibe es oft bei Vermutungen, Beweise zu finden, sei schwerer, räumt der Hobbyornithologe offen ein.


In der Datenbank um die 100 000 Einträge


Daubner kam als Tierarzt in eine Dabeler Praxis und wohnte in Sternberg, wo er – was sonst – zur Fachgruppe Ornithologie stieß. Diese Bezeichnung sei vielleicht etwas hoch gegriffen. Karl-Ernst Sauerland, Ernst Schmidt und er seien als „harter Kern“ zu dritt gewesen. Wenn sich die jetzige Fachgruppe Ornithologie und Vogelschutz Parchim treffe, seien es in der Regel 30 bis 40 Leute. Sie sei beim Nabu organisiert, aber offen für alle, ein loser Verbund, dem es um Fachwissen und Engagement gehe. Der 58-Jährige aus Klein Görnow, jetzt amtlicher Tierarzt im Landkreis Ludwigslust-Parchim, füttert akribisch die Datenbank mit Beobachtungen aller Ornithologen der Fachgruppe. Bei jeder Jahresauswertung, die die Freizeit mehrerer Wochen beanspruche und dann 50 bis 60 Seiten umfasse, kämen 5000 bis 6000 Einträge hinzu. Zusammen seien es jetzt um die 100 000.

Auf seinem Grundstück entdecke er Feld- und Haussperling, Rauchschwalbe, Amsel, Rotkehlchen, Elster, Heckenbraunelle, Klapper- und Mönchsgrasmücke sowie „als Highlight“ hoch in der Luft den Wespenbussard, der wohl im nahen Wald brüte. Gartenrotschwanz, Trauer- und Grauschnepper, Waldbaumläufer oder Sprosser, ein naher Verwandter der Nachtigall, „die es hier vor 30 Jahren gab, als wir herzogen“, seien dagegen nicht mehr zu sehen. „Das bedeutet nicht, dass sie selten geworden sind, hier aber.“

Mit Sorge sieht der Hobbyornithologe jedoch die Gefahr für die Artenvielfalt auch bei Vögeln. Am größten seien die Verluste bei Feld- und Wiesenvögeln, Feldlerche, Rebhuhn, Wiesenpieper oder Kiebitz aus der Landschaft verschwunden. Der Weißstorch, bundesweit mit steigender Tendenz, befinde sich hier zu Lande „in einer kritischen Phase“. Er brauche, besonders wenn beim Nachwuchs „die ersten Federn schieben“, Frösche, doch Gras- und Braunfrösche hätten sich äußerst rar gemacht. In freier Landschaft sei die Nahrungskette teilweise unterbrochen. Landwirte könnten heute für jede Art von Schadinsekten gezielt Pflanzenschutzmittel einsetzen. Was den Feldkulturen schade, sei jedoch Futter für Tiere.


Neue Wohnsiedlung verändert nur Bestand


Aber die Ursachen seien vielfältig, und von Schuld wolle er schon gar nicht sprechen. Verursacher zurückgehender Artenvielfalt sei allerdings in jedem Fall der Mensch, ist der Hobbyornithologe überzeugt.

Nicht alles, was sich in der Landschaft verändere, sei negativ, meint Daubner. Eine neue Wohnsiedlung vertreibe nicht die Vögel, sie verändere lediglich den Bestand. Viele Leute würden dem nachtrauern, wenn Gewohntes verschwinde. Doch es komme auch Neues. „Das ist der Optimismus, den ich in mich hineinfresse“, sagt ein Mann, der sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen