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Schwestern aus Brüel bauen sich Existenz in der Kindertagespflege auf : Als Mütter einen neuen Beruf gefunden

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Die Schwestern Eva und Uta Ohlenroth bauten sich als Tagesmütter eine neue berufliche Existenz auf und erfüllten sich auf diese Weise den Wunsch "Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen".

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erstellt am 24.Nov.2011 | 10:30 Uhr

Brüel | Als Eva und Uta Ohlenroth sich für eine Fachtagung in Sachen Kindertagespflege an diesem Sonnabend in Parchim anmelden wollten, stand die Frage: Wo bringen wir unsere beiden Kleinen an dem Tag unter? Die Organisatoren vom Landkreis, einen Moment überrascht, waren um eine Antwort nicht verlegen. Am besten die Kinder mitbringen, sie werden vor Ort betreut, zumal es anderen Teilnehmerinnen möglicherweise ähnlich ergehe.

Ansonsten sorgen die beiden Schwestern aus Brüel selbst mit dafür, dass Eltern ihrem Tageswerk nachgehen können. Seit diesem Jahr bauen sie sich als Tagesmütter eine neue berufliche Existenz auf. Eva Ohlenroth, 42 und damit genau zehn Jahre älter als ihre Schwester, erfüllt sich auf diese Weise den Wunsch, nach der Geburt von Emilia "Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen". Denn bei dem, was sie vorher gemacht hat, sei keine Heimarbeit in Frage gekommen. Die Brüelerin hatte zunächst eine Ausbildung in der Tierproduktion und später als Spedi tionskauffrau absolviert, war dann zuletzt neun Jahre zu

einem Discounter nach Hamburg gependelt. Von dort sei sie "der Liebe wegen" nach Berlin gezogen. Die Liebe zerbrach, doch das Glück mit der kleinen Tochter, die aus dieser Beziehung hervorging, blieb. Emilia wird im März drei Jahre. Nur 20 Tage älter ist Enya, die Kleine von Uta Ohlenroth, die in Parchim Hauswirtschaft gelernt, in Bad Doberan die Fachhochschulreife erlangt und in Köthen ein Studium für Pharmazietechnik aufgenommen hatte. Doch das Heimweh war zu groß, deshalb ein Wechsel zu Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Fachhochschule in Wismar - bis Enya kam. Uta Ohlenroth entschied sich, das Studium abzubrechen.

Die beiden Schwestern überlegten in der Situation gemeinsam. "Weil ich spät Mutter geworden bin, wollte ich die Kleine ständig um mich haben und in keine Einrichtung geben. Da kam uns die Idee, als Tagesmütter zu arbeiten. Im Haus unserer Eltern haben wir eine Etage für uns." Das Jugendamt des Landkreises verwies auf das "Aktionsprogramm Kindertagespflege", das sei Januar 2010 lief und jetzt zu Ende geht. Es sollte Quereinsteigern vor dem Hintergrund, dass in Deutschland ab 2013 ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz besteht, die Chance für einen beruflichen Neu anfang bieten, erklärt

Koordinatorin Aniko Klemp vom Landkreis in Parchim. Der Lehrgang dauerte samt Abschlussarbeit und Verteidigung neun Wochen. Die beiden Mädchen seien in der Zeit "auf dem Weg nach Schwerin bei einer Tagesmama untergekommen", die den gleichen Lehrgang gerade beendet hatte. Im Juni kam das erste Kind zur Betreuung, aktuell sind es vier von elf Monaten bis fünf Jahren und dazu die beiden eigenen Mädchen. Das erste Kind werde mitunter schon früh kurz nach sechs Uhr gebracht. Der Vater sage tags zuvor Bescheid. Gegen 17 Uhr oder etwas danach wäre Feierabend, sie seien flexibel, sagen die Tagesmütter. Sie hatten Werbekarten bei Kinderärzten und in Apotheken ausgelegt, eine Annonce
geschaltet und hoffen auf Mundpropa ganda. Auch das Jugendamt mache Eltern Angebote, wo es freie Plätze in der Tagespflege gibt. "Zum Anfang erhielten wir die Pflegeerlaubnis für jeweils vier Kinder,
betreuen aber erst einmal zusammen vier, um richtig in diesen Beruf hineinzukommen und uns auch gegenseitig vertreten zu können", erzählt Uta Ohlenroth. "Jetzt würden wir gern mehr nehmen. Und weil uns der Kleinste demnächst leider verlässt, gibt es ab Januar ausreichend Kapazitäten."

Eva Ohlenroth macht der neue Beruf "wahnsinnig viel Spaß". Den Kleinsten nach und nach aufstehen sehen, seine ersten, noch wackligen Schritte entlang Schrank oder Wand, "das ist schon toll". Aber auch das Mitfühlen und selbst Schmerzen verspüren bei den kleinen Unfällen, die passieren, "selbst wenn man daneben steht". Eines der Kinder sei schon zwei Mal mit dem Laufrad hingefallen. "Es war keine Schramme zu sehen, aber das Mädchen hat sich dabei gebissen und geblutet. Die Eltern haben erfahren, wie das passiert ist." Solche Offenheit sei ganz wichtig und werde auch anerkannt, so Eva Ohlenroths Erfahrung. Eigene Muttergefühle würden gerade in solchen Situationen helfen, ist sie überzeugt.

Jedes Jahr sind mindestens 25 Stunden Weiterbildung vorgeschrieben, durch Zertifikate belegt. Und wenn die beiden Neulinge im Fach weiteren Rat brauchen, fragen sie bei drei langjährigen Tagesmüttern in Brüel, bei denen sie schon das Praktikum vor dem Lehrgang absolvierten. Ein Bündel von Anregungen werde sicher auch die Fachtagung am Sonnabend geben. Die befasst sich mit dem Thema "Bindungstheorien" und beschließt das Aktionsprogramm. Aktuell sind im ehemaligen Landkreis Parchim 91 Tagesmütter tätig, Tendenz steigend, so Ute Mewes aus der Kreisverwaltung. Sie betreuen insgesamt 295 Kinder. Die Stadt Sternberg jedoch, wie Parchim und Lübz einer der Schwerpunkte des Aktionsprogramms, sei leider ein weißer Fleck geblieben.

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