Neukloster/Warin : Ätzender Nebel im Chemieraum

Nach der Dekontamination im Schwarzbereich muss der Feuerwehrmann seine Schutzbekleidung ausziehen und sich im Weißbereich (linkes Zelt) völlig neu einkleiden.  Fotos: Kerstin Erz
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Nach der Dekontamination im Schwarzbereich muss der Feuerwehrmann seine Schutzbekleidung ausziehen und sich im Weißbereich (linkes Zelt) völlig neu einkleiden. Fotos: Kerstin Erz

Eine Übung des Katastrophenschutzes des Landkreises Nordwestmecklenburg mit mehreren freiwilligen Feuerwehren fand in der Regionalen Schule Neukloster statt.

svz.de von
28. August 2016, 23:00 Uhr

Sonnabend kurz nach 9 Uhr: Mit dem Ausschlafen ist es in Neukloster plötzlich vorbei, mit lautstarkem Tatü-Tata und Rundumleuchten sausen Neuklosteraner Feuerwehrautos durch die Stadt, nach späterer Alarmierung gefolgt von Wehren aus Warin, Wismar, Dassow, Neuburg, Gadebusch, Rehna und Selmstorf.

Ihr Einsatzziel ist die Regionale Schule in Neukloster. Hier fand im Chemieraum ein Seminar statt, bei dem eine Flasche mit chemischer Flüssigkeit auf den Boden fiel. Binnen weniger Sekunden ist der Raum in dicken, ätzenden Nebel getaucht. Zehn Personen können sich aus dem Raum retten, zwei werden vermisst. Der Seminarleiter setzt einen Notruf ab. Innerhalb weniger Minuten ist die Neuklosteraner Feuerwehr vor Ort.

Mit ihr der Krankenwagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Jetzt kommt es zwar auf Minuten an, und doch erkundet Einsatzleiter Lars Krasemann, Neuklosteraner Wehrführer, in aller Ruhe die Situation. Schnell erkennt er, dass es sich hier um eine Situation handelt, die einen ABC-Einsatz erfordert; und so alarmiert er umgehend den Katastrophenschutz des gesamten Landkreises.

Es kommen Gefahrgutzüge und der Dekon-Zug zum Einsatz und es wird eine technische Einsatzleitung eingerichtet, die Feuerwehr-Einsatzleiter Krasemann unterstützt. Bei Unfällen mit unbekannten Stoffen muss auch ein so genanntes CBRN-Erkunder-Fahrzeug mit Spezialkräften hinzu gezogen werden, das aus Selmsdorf kommt. Und die Malteser aus Wismar übernehmen die seelsorgerische Betreuung der Verletzten und Angehörigen sowie die Versorgung aller Einsatzkräfte. Spätestens jetzt steht Krasemann auch der Zugführer Gefahrgut des Landkreises NWM, Joern Warnke, zur Seite.

Aber noch weiß man nicht, ob die vermissten Personen im Raum verblieben sind und um welchen ätzenden Stoff es sich im Chemieraum handelt. Also müssen Atemschutzträger der Feuerwehr hinein. Sie steigen in Chemieschutzanzüge, um sich selbst zu schützen, dürfen aber erst dann rein, wenn die Dekontaminationsschiene aufgebaut ist. Das heißt, mit Verlassen des verseuchten Raumes müssen die Feuerwehrleute durch Zelte mit Schwarz- und Weißbereich, abgespritzt werden und sich umziehen. Ihre Sachen werden fachgerecht dekontaminiert oder entsorgt. Zwei solche Dekon-Schleusen sind inzwischen aufgebaut, eine für die Atemschutzträger, die andere für die Verletzten. Zwei Verletzte sind bewusstlos aus dem Chemieraum geborgen und werden dementsprechend durch die Dekon-Fachkräfte und den ASB versorgt. Letztlich wird auch ein weißes Pulver, das im gesamten Chemieraum verteilt war, geborgen. Angelique Merz (18) und Christian Saik (26) tüten das weiße Pulver fachgerecht ein. Es muss jetzt so schnell wie möglich nach Hamburg zur Berufsfeuerwehr, von der etwa nach zwei Stunden das Ergebnis vorliegt, erklären die Beiden. Erst dann also kann der Einsatzleiter den Einsatz beenden und den Landkreis beauftragen, entsprechende Spezialisten zur Reinigung des Schulgebäudes anzufordern.

Wie unschwer zu erkennen, dies war eine Übung des Katastrophenschutzes des Landkreises NWM. Florian Haug (28), Leiter des Brand- und Katastrophenschutzes, beobachtete diese Übung ganz genau. „Bei Bränden und Verkehrsunfällen sitzen alle Handgriffe bei den Feuerwehren. Gefahrguteinsätze kommen nicht allzu oft vor. Da sie aber vorkommen, müssen wir sie trainieren, denn hier sind höchste Konzentration und Fachwissen gefragt. Das tun wir zwei bis dreimal im Jahr und ziehen dazu alle relevanten Wehren des Landkreises hinzu“, erklärt Haug. „Diese Katastrophenschutzübung ist gut gelaufen. Das Zusammenspiel der Einsatzleitung mit der technischen Einsatzleitung hat funktioniert. Die zuständigen Ämter waren informiert und hier vor Ort, um solch einen Ablauf mal hautnah mitzuerleben. Bei jeder Übung probieren wir auch etwas aus; und wenn es sich bewährt hat, wird es weiterentwickelt. Hier hatten wir zwei Dekon-Strecken aufgebaut. Die Verletzten hatten aber trotzdem zu lange auf die Dekontamination warten müssen, da müssen wir noch etwas ändern. Aber die Verzahnung aller Beteiligten hat sehr gut funktioniert.“


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