Sternberg : Abschied von einem schönen Beruf

Ein Pflaumenbaum zum Abschied: Kurt Fischer (r.) und Roland Schmidt gehen nach 44 bzw. 30 Jahren als Rettungssanitäter in den verdienten Ruhestand. Den blitzblanken B 1000, den sie einst fuhren, haben ihre Kollegen bereitgestellt, um die Beiden nach Hause zu bringen.
Ein Pflaumenbaum zum Abschied: Kurt Fischer (r.) und Roland Schmidt gehen nach 44 bzw. 30 Jahren als Rettungssanitäter in den verdienten Ruhestand. Den blitzblanken B 1000, den sie einst fuhren, haben ihre Kollegen bereitgestellt, um die Beiden nach Hause zu bringen.

Die Sternberger Kurt Fischer und Roland Schmidt waren über Jahrzehnte DRK-Rettungsassistenten. Für Nachwuchs wird gesorgt: Die Lehrrettungswache hat sechs Auszubildende.

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15. Juni 2015, 21:17 Uhr

Bei beiden spielte der Zufall mit. Kurt Fischer hatte Landmaschinen- und Traktorenschlosser gelernt und dann die Armeezeit hinter sich. Da fragte ihn sein Onkel, der in der Sternberger DRK-Rettungswache arbeitete, zu der Zeit am heutigen Mecklenburgring, ob er dort anfangen wolle. Denn eine Stelle sei frei. Der junge Mann überlegte nicht lange, bewarb sich und trat am 11. November 1970 seinen Dienst an.

Bei Roland Schmidt war es der Nachbar, übrigens Kurt Fischers Schwager, der ihm den Tipp gab. „Ich war Maurer von Beruf und habe viel im Ausland gearbeitet. Doch auf einmal durfte ich das nicht mehr. Also habe ich überlegt, mir was anderes zu suchen“, blickt der Sternberger zurück. Anfang November 1984 war sein erster Tag.

Jetzt verabschiedeten ihre Kollegen von der DRK-Rettungswache in der Karl-Marx-Straße beide mit großem Bahnhof, wie es so schön heißt, in den verdienten Ruhestand, Fischer mit 65 im regulären Rentenalter. Schmidt (62) hat die Möglichkeit der Altersteilzeit genutzt und ist bereits seit dem 1. Juni zu Hause.


„Manches brennt sich für immer ein“


Ihren Berufswechsel haben sie nie bereut, stimmen beide Neu-Ruheständler überein. Es sei schön, Menschen zu helfen. Das habe sie am meisten gereizt. Und dass im Team gearbeitet werde. Fischer fand durch den Beruf zudem sein persönliches Glück, lernte die Frau fürs Leben kennen, damals Krankenschwester im Wariner Krankenhaus, das häufig Ziel der Rettungswagen war. Heute arbeite sie im DRK-Seniorenpflegeheim.

Vor der Wende sei jeder mit einem B 1000 für sich gefahren. Heute sei ein Rettungsfahrzeug zu zweit besetzt, das Team aber auf sich gestellt, wenn es die Situation beherrsche. Sonst werde ein Notarzt dazu gerufen. Anfang der 1990er-Jahre hatten sie eine Ausbildung zum Rettungsassistenten absolviert. Die als Sanitäter aus DDR-Zeiten sei nicht anerkannt worden.

Bis zur Wende wurde in Früh-, Spät- und Nachtschicht gearbeitet, heute im 24-Stunden-Dienst von 7 bis 7 Uhr. Im Durchschnitt kämen drei bis vier Einsätze zusammen, doch es seien auch schon sieben gewesen und bei Kollegen als Spitze gar neun. Etwa zwei Stunden müssten jedes Mal gerechnet werden. Es bleibe nicht dabei, Patienten in die Krankenhäuser von Schwerin, Güstrow oder Crivitz – von Sternberg aus am häufigsten – zu fahren. Nacharbeiten müssten ebenfalls erledigt werden, etwa das Fahrzeug wieder tipptopp herzurichten. In anderen Rettungswachen eingesetzt, ging es auch mal nach Wismar oder Plau am See.

Schlimme Verkehrsunfälle und wenn dann noch Kinder betroffen waren, machten beiden besonders zu schaffen und blieben im Gedächtnis. „Das brennt sich für immer ein“, sagt Kurt Fischer mit ernster Miene. „Ich habe zu Hause mit meiner Frau darüber gesprochen. Als Krankenschwester kann sie sich in solche Situation hineinversetzen. Es ist besser darüber zu reden, als das in sich hineinzufressen. Aber
jeder macht das anders, mancher geht spazieren.“ So ein Einsatz sei für ihn vor knapp 20 Jahren an der früheren Einfahrt von der B 104 nach Thurow gewesen, wo eine hochschwangere Frau tödlich verunglückte und ihr Lebensgefährte mit Kind in einem anderen Auto dahinter das noch mit ansehen musste. Schmidt nennt einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang zwischen einem Pkw und Lkw am ehemaligen Rosenhof bei Keez. „So was geht nicht spurlos an einem vorbei. Man trägt es zwei Tage mit sich herum.“

In den Ruhestand gehen die beiden Sternberger eher mit einem lachenden Auge. „Ich fühle mich nicht so alt, müsste danach nicht aufhören“, sagt der 65-jährige Kurt Fischer. „Doch in unserem Garten mit Häuschen in Witzin kann ich mich genug beschäftigen. Und dann haben wir drei Enkel, der Kleinste ist gerade zwei Monate.“ Seine Enkelin bei Rostock habe schon öfter gesagt, sie könne doch zu Opa fahren, hakt Roland Schmidt lachend ein. „Ich habe von anderen gehört, dass Rentner keine Zeit haben. Mir geht das nach zwei Wochen genauso. Ich habe auch schon einen Dienstplan für die nächste Zeit.“


Immer zur Stelle, wenn Not am Mann war


Thomas Güther-Knauf, seit 2011 Teamleiter der Sternberger Rettungswache, findet es „schade, dass zwei erfahrene Kollegen aufhören. Ich konnte sie immer anrufen, wenn Not am Mann war.“ René Wächtler, heute Bereichsleiter und stellvertretender Geschäftsführer beim DRK-Rettungsdienst, hat hier 1995 seine Ausbildung zum Rettungsassistenten gemacht und sich von den Beiden, die bei den Einsätzen stets „ruhig und besonnen“ gewesen seien, „manches abgucken können“. Für Nachwuchs werde indes gesorgt: Die Lehrrettungswache in Sternberg habe derzeit sechs Auszubildende, die meisten in dem neuen Berufsbild als Notfallsanitäter.

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