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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

13. Dezember 2017 | 17:58 Uhr

Ruchow : Abschied in die Orgelwerkstatt

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Älteste Orgel Mecklenburgs steht in der Ruchower Kirche und wird zur Restaurierung nach Dresden gebracht.

svz.de von
erstellt am 06.Sep.2014 | 16:00 Uhr

Wird der Blasebalg betätigt, ertönt nur ein quälendes Quietschen. Die lädierten Tasten des Instruments können noch so gefühlvoll angeschlagen werden – nichts. Und das ist echt schade, denn es handelt sich um die älteste Orgel in Mecklenburg. Sie wurde vermutlich 1675 vom Hamburger Orgelbaumeister Joachim Richborn fertig gestellt. Diese Entdeckung im vorigen Jahr durch Friedrich Drese, Sachverständiger im Kirchenkreis Mecklenburg und Leiter des Orgelmuseums Malchow, galt in Fachkreisen als Sensation. Weltweit soll es nur drei geben und die in Ruchow am besten erhalten sein. Doch als in guter Absicht 1995 die Empore der Kirche erneuert wurde, ohne die Orgel abzubauen, sei diese verstummt. „Sie gibt keinen Pieps mehr von sich“, bedauert Stefanie von Laer.

Die Musikpädagogin außer Dienst engagiert sich ehrenamtlich in der Kirchengemeinde, geht mit Herzblut und viel Zeit daran, Geld für die Restaurierung der Ruchower Orgel, die von „nationaler Bedeutung“ sei, aufzutreiben. Sie ist 2. stellvertretende Vorsitzende des ganz jungen Fördervereins „Historische Orgel zu Ruchow“, dessen Mitgliederzahl bereits in den zweistelligen Bereich wuchs, „mit weiter steigender Tendenz“, aber noch den Segen des Parchimer Amtsgerichtes braucht. Für den Vorsitz hat sich Berthold Löbel bereit erklärt, Landwirt und Bürgermeister der Gemeinde Mustin, zu der Ruchow gehört. 1. Stellvertreter ist Pastor Siegfried Rau.

Die Richborn-Orgel, in der Fachsprache als Orgelpositiv bezeichnet, das – eine Besonderheit – ohne Pedal gespielt wird, bildet den Mittelteil des Instruments in dem Gotteshaus. Sie stand in der Bützower Schlosskirche und wurde von Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe, die sich auf der Flucht vor den Franzosen in Tieplitz neu angesiedelt hatte, 1794 nach Ruchow geholt, seinerzeit Patronatskirche für Tieplitz und Bolz. In der Größe etwa eines Kleiderschranks zu unauffällig, ließ die Fürstin das Positiv zwei Jahre später von einer Schmidt-Orgel umbauen. Die Königin der Instrumente sei ein halbes Jahrhundert gehegt und gepflegt worden. Dann habe sich lange nichts getan, erzählt von Laer, bis die Vorfahren ihres Mannes, die das barocke Herrenhaus in Tieplitz 1937 übernommen hatten, die Ruchower Orgel 1939 restaurieren ließen. 1985 sei sie noch einmal gereinigt und spielbar gemacht worden. „Es hat drei Konzerte gegeben. Dann war Schluss, weil jemand meinte, dass in der Kirche konspirative Treffen stattfinden“, hat von Laer erfahren. Aber das sei Unsinn gewesen.


Klinken geputzt und an Stiftungen geschrieben


Nun soll die Orgel wieder erklingen. 235 000 Euro sind für die Restaurierung veranschlagt. Vor einem Jahr ging die Zusage vom damaligen Staatsminister für Kultur und Medien in Berlin, Bernd Neumann, über 175 000 Euro ein. Zudem beteiligen sich Land und Landeskirche zu gleichen Teilen. 10 000 Euro Eigenmittel muss die Kirchengemeinde selbst beisteuern. „Die lassen sich in dieser strukturschwachen Region nicht aufbringen. 1000 Euro sind in der Kasse“, so von Laer. Sie hat buchstäblich Klinken geputzt, „jede Menge“ Stiftungen angeschrieben und alte Kontakte genutzt. „Das Nein habe ich sicher“, sagt sie sich jedes Mal, „und wenn Geld kommt, bin ich selig.“ So steuert der Rotary Club Hamburg-Bergedorf 3000 Euro bei. Gerhard Hoffmann, „ein echter Hanseat, mehr Sein als Schein“, so von Laer, der mit seiner Schwester Katharina eine Stiftung in Hamburg führt, die Jugend und Kultur unterstützt, habe sich alles angesehen und eine Zuwendung in Aussicht gestellt. Darüber entscheide der Vorstand in seiner Sitzung am 22. September. Und Dr. Klaus Holzweißig, ein Radiologe aus Dresden, der über Kontakte zum Orgelsachverständigen Friedrich Drese Tieplitz besucht hat, gibt möglicherweise mit dem von ihm geleiteten Chor aus acht Männerstimmen ein Konzert für die
Ruchower Kirche. Alle erhielten ihre musikalische Ausbildung im Dresdner Kreuzchor.


Orgeln werden am 6. Oktober abgebaut


Hinzu komme „Kleingeld“ von privaten Feiern, wie von der Taufe ihres Enkels. Die drei Töchter hätten übrigens in der Ruchower Kirche geheiratet. „Das verbindet zusätzlich. Ich bin richtig glücklich hier“, sagt die 60-Jährige. Ihr Mann hat das marode Herrenhaus in Tieplitz nach der Wende zurück erworben, es umfangreich renovieren, abgerissene Gebäudeteile wieder aufbauen lassen, so dass es sich wieder etwa so wie vor 100 Jahren präsentiert. 2015 wird dort noch das 20. Sommerkonzert stattfinden. Danach soll sich diese beliebte Reihe in Ruchow fortsetzen. „Die Kirche muss sich weiter mit Leben erfüllen, wenn die Orgel restauriert ist. Ich denke an fünf Konzerte im Sommer, mehr immer, aber möglichst nicht weniger“, so von Laer.

Am 6. Oktober werden beide Orgeln abgebaut, das Positiv kommt nach Dresden zur Firma Jehmlich, die Schmidt-Orgel nach Lübeck zur Firma Klein. Tags zuvor, am Sonntag, finden um 14 Uhr ein Erntedank und der Abschied der historischen Orgeln zur Restaurierung statt.

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