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Anzeiger für Sternberg, Brüel, Warin

27. Juni 2017 | 11:00 Uhr

Sternberg : 500 Jahre – und ein Moment

vom
Aus der Redaktion des Anzeiger für Sternberg – Brüel – Warin

Großes Projekt zu großem Thema: Der Landtag von 1549 an der Sagsdorfer Brücke wurde im Jubiläumsjahr der Reformation für ein aktuelles Foto nachgestellt.

Ein großes Projekt, welches sich Christine de Boom da vorgenommen hatte. Zu einem großen Thema: Den Landtag am 20. Juni 1549 an der Sagsdorfer Brücke, der die Reformation für Mecklenburg beschloss, für ein Foto nachstellen. Als am Sonntagmittag die vielen Helfer um den Sternberger Bürgermeister Armin Taubenheim, Pastorin Katrin Teuber und Anke Bittermann mit ihrem Heimatverein die Vorbereitungen zu diesem großen Bild beendeten, hatte sich auch der Hochnebel verzogen. Und! Zur Freude von de Boom fanden sich immer mehr Sternberger Schüler ein. Zwei Stunden waren angesetzt, doch dank der im wahrsten Sinne des Wortes generalstabsmäßigen Organisation durch Christof Munzlinger schaffte man es in der Hälfte der Zeit. Wenn ein Katholik die Reformation dirigiert, versteht man Ökumene.


Der 20. Juni 1549 an der Sagsdorfer Brücke


Seit 1275 finden an der Sagsdorfer Brücke mecklenburgische Landtage statt. Wenn wir im 500. Jahr der Reformation an die Einführung der Reformation in Mecklenburg erinnern, fällt das Jahr 1549. Mit dem offiziellen Bekenntnis zum evangelischen Glauben in Mecklenburg wird ein Prozess abgeschlossen, der ein halbes Jahrhundert früher mit einer der prunkvollsten Hochzeiten des Mittelalters beginnt: Sophie von Mecklenburg heiratet in Torgau Johann von Sachsen – mit mehr als 10 000 geladenen Gästen.

Für Sternberg interessant ist der das Paar trauende Bischof: Erzbischof Ernst von Magdeburg, ein Bruder des Bräutigams. Dieser hatte 1492 in Sternberg das Urteil zum Feuertod der Juden gesprochen. Auch eines der Hochzeitsgeschenke dürfen wir nicht vergessen: das Augustinereremitenkloster zum Heiligen Grabe in Sternberg, dessen Errichtung Sophie im Jahre ihres Todes im Kindbett 1503 nochmals anmahnt. Auch der Brautvater stirbt im gleichen Jahr und der Klosterbau verzögert sich weiter. Erst als Geld aus der einträglichen Sternberger Wallfahrt für den Bau des Klosters abgezweigt werden darf, kommt der Klosterbau endlich zu Stande.


Schuldirektor platzt Mönchen ins Gebet


Der Neid der eingesessenen Sternberger Geistlichkeit auf die „Parallelwallfahrt“ auf der anderen Straßenseite – das Kloster stand zwischen heutigem Heimatmuseum und Stadtmauer – eskaliert 1514, als der Sternberger Schuldirektor den Mönchen trunken und bewaffnet ins Gebet platzt. Da dies nicht der erste derartige Vorfall ist, sperren die Mönche den Schulmeister „in den Turm“. Der sich daraus entspinnende Eklat zieht seine Kreise bis nach Rom.

Im Ergebnis wandeln sich die Sternberger Augustiner. Zehn Jahre danach (1524) schreibt Luther an den Prior und bringt seine Freude darüber zum Ausdruck, dass seine Mitbrüder reformiert sind. 1527 haben sich die Sternberger Mönche zerstreut, nur noch der Prior wohnt im Kloster. Er hat es Luther gleich getan und geheiratet.

Aber Sternberg kann auch Gegenreformation. Im Winter 1530/31 organisiert Schwedens Erzbischof Gustav Trolle vom Sternberger Exil aus eine Söldnerarmee, um die Reformation in Skandinavien zu verhindern. 1532 beklagt die Sternberger Kirche den leeren Opferstock der Wallfahrt, die wundertätigen Hostien von 1492 sind jedoch noch vorhanden. 1533 verhängt man gegen den evangelischen Hilfsprediger Faustinus Labes ein Berufsverbot im katholischen Güstrow und versetzt ihn nach Sternberg, wo er aber 1534 bei der Kirchenvisitation nicht anwesend ist. Im gleichen Jahr wird das Kloster offiziell aufgelöst. Weitere zehn Jahre dauert es bis zum besagten Landtag an der Sagsdorfer Brücke.

Doch das ist nicht das Ende des Katholizismus. Ein Jahr später trifft man sich wieder am gleichen Platz und beschließt die „Abschaffung alles noch übrigen Sauerteiges“. Der Landtag von 1550 ist der letzte an der Sagsdorfer Brücke, 1556 tagt man bereits auf dem Judenberg, auf dem in den folgenden knapp 300 Jahren in der Regel die Sternberger Landtage eröffnet werden – unter freiem Himmel und stehend. Für Turnvater Jahn Anlass genug, dies der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848 als vorbildlich in Sachen Traditionspflege anzupreisen.


Idee für Gedenkstein aus dem Jahr 1847


Aus dem Jahr 1847 stammt die Idee, einen Gedenkstein an der Sagsdorfer Brücke zu errichten. Dieser sollte zum Landtag 1849 eingeweiht werden. Doch mit der Einkassierung der gerade erfochtenen Bürgerrechte fällt auch dieses Projekt unter den Tisch. Es wird zwar zwischendurch wieder angesprochen, der Beginn des 1. Weltkrieges verhindert jedoch wiederum die Aufstellung des bereits bereitliegenden Steins. 1931 kommt das Projekt endlich zur Ausführung. Aber wie! Zum von der Ritterschaft organisierten Reformationsfest ist die großherzogliche Familie eingeladen. Jeder will sie sehen! Und da die mecklenburgischen Sandwege an diesem Tag staubtrocken sind, kommt es zum ersten Verkehrschaos in Mecklenburgs Automobilgeschichte.

In der Folgezeit wird immer wieder an das Jubiläum erinnert. Nicht immer ist die Wahl der Gäste glücklich. 1949 z. B. predigte Hans Meiser, der evangelische Landesbischof von Bayern, dessen Haltung gegenüber den Juden aus heutiger Sicht stark umstritten ist.
1999 hat man die Szene von 1549 bereits einmal nachgespielt. Eine Szene, die der Maler Fritz Greve 1895 auf Papier und ab Pfingsten 1896 auf die riesige Wand der Sternberger Turmhalle brachte. Baron von Biel, der Ideen- und Geldgeber, ließ dem Künstler dabei relativ freie Hand.

Von 2010 stammt übrigens die Idee von wiederkehrenden Landtagsfestspielen des Vereins Sternberg und MEHR. Vorige Woche hat die Stadtvertretung den Grundsatzbeschluss zur Sanierung des Heimatmuseums getroffen. Die Geschichte des Ständischen Landtages wird tragendes Thema der neuen Ausstellung und soll so dem Museum zu überregionaler Bedeutung verhelfen.

Im August wird das Ergebnis vom Sonntag in der Sternberger Stadtkirche erstmals in einer kleinen Ausstellung zu sehen sein, die bis zum Reformationstag dort bleiben und dann durch das Land wandern soll.. Der Vergleich mit Greves Original ist sicher spannend.


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