Crivitz / Potsdam : Stein auf Stein für Hollywood

Mehr Schein als Sein: Die Kulissen der mittelalterlichen Häuser von hinten betrachtet.
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Mehr Schein als Sein: Die Kulissen der mittelalterlichen Häuser von hinten betrachtet.

Der gebürtige Crivitzer Dierk Grahlow baut im Filmstudio Babelsberg Kulissen für große Namen wie Quentin Tarantino und Roland Emmerich.

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22. November 2010, 11:35 Uhr

Crivitz / Potsdam | Aus dem Funkgerät knistert eine Stimme, während Dierk Grahlow zwischen Venedig und London unterwegs ist. Zu Fuß. Für ihn liegen zwischen der Inselstadt und der Stadt auf der Insel nur wenige Schritte. Der gebürtige Crivitzer baut für das Studio Babelsberg Filmkulissen. Vor wenigen Wochen hat er die Arbeiten am Film "Anonymus" beendet. Für Star-Regisseur Roland Emmerich baute er das Globe Theatre nach. Das Original war im Jahr 1599 von einer Schauspieltruppe um den Dichter William Shakespeare entstanden, 1644 jedoch bereits wieder abgerissen worden. Fotos gibt es von dem Gebäude deshalb keine. Auch Baupläne nicht. Für den Nachbau orientierte sich der Architekt vor allem an historischen Kupferstichen. Nur zwölf Wochen hatte Dierk Grahlow für die Bauarbeiten Zeit. "Früher hätten wir fünf Jahre für die Bauarbeiten gebraucht", sagt der 51-Jährige und lacht. "Baumeister", haben ihn die englischen Filmleute deshalb getauft. Nicht nur das komplette Theater baute er in der kurzen Zeit nach, auch eine historische Straße mit Fachwerkhäusern rekonstruierte er.

Das Theater war eines seiner größten Projekte. Noch schwieriger war nur der originalgetreue Nachbau des New Yorker Guggenheim-Museums für den Film "The International". Dass seine Bauwerke nicht für die Ewigkeit gemacht sind, stört Dierk Grahlow aber nicht. "Ich arbeite für ein schnelllebiges Geschäft", sagt er. Vor mehr als 30 Jahren hätte sich der gelernte Tischler nicht träumen lassen, einmal mit den Großen des internationalen Films zusammenzuarbeiten. Doch mittlerweile macht er "großes Kino". Nachdem er von 1974 an in Schwerin seine Lehre als Tischler absolviert und zwei Jahre als Geselle gearbeitet hatte, wollte er eigentlich zur See fahren. "Ich wollte etwas von der Welt sehen", erinnert sich der Mecklenburger, bei dem sich mit der Zeit auch der brandenburgische Akzent eingeschlichen hat. Matrose ist er zwar nicht geworden, viel von der Welt hat er aber trotzdem gesehen. Über einen Freund kam er 1981 zur Defa (Deutsche Film Aktiengesellschaft), dem DDR-Filmstudio in Babelsberg. Vom Tischler arbeitete er sich bis zum Cons truction Manager hinauf. Als solcher setzt er die Idee der Designer und die Pläne der Architekten in die Tat um. Er koordiniert die Arbeiten der rund 150 Handwerker, die pro Film zum Einsatz kommen. Auch die Baukosten muss er dabei im Auge haben. Bisher sind unter seiner Regie die Kulissen von 34 Kinofilmen entstanden. "Der Junge, der auszog, um Hollywood zu erobern", habe Roland Emmerich ihn getauft, sagt Grahlow. Er trägt Jeans und eine graue Jacke.

Für die Dreharbeiten ist er in diesem Jahr im Dauereinsatz. Im Januar begann die Arbeit an dem mittlerweile abgedrehten Emmerich-Streifen, aktuell begleitet er den Dreh der 3D-Version von "Die drei Musketiere" mit den Hollywood-Stars Milla Jovovich, Orlando Bloom und Oscarpreisträger Christoph Waltz. Auch mit Brad Pitt hat er schon gearbeitet. Die Furcht vor den großen Namen ist längst verflogen. "Letztlich sind es ganz normale Menschen", lautet das schlichte Fazit des Kulissenmeisters. Nur einen wird er nie vergessen: Regie-Genie Quentin Tarantino. Mehr will Grahlow zu dem exzentrischen Filmemacher nicht sagen. An Crivitz erinnert sich Grahlow gerne und kommt deshalb regelmäßig zu Besuch. Nicht zuletzt aber auch, um seine Verwandten zu sehen, die hier leben. Mit seiner Frau und den vier gemeinsamen Kindern hat Grahlow selbst seinen neuen Lebensmittelpunkt aber im brandenburgischen Michendorf gefunden.

Filme schaut Grahlow in seiner Freizeit nicht sehr gerne. "Wenn man den ganzen Tag bei den Dreharbeiten dabei ist, hat man einen viel zu ausgeprägten Blick fürs Detail", sagt er. Auf die eigentliche Handlung könne er sich deshalb oft nur schwer konzentrieren. "Manche Filme muss ich mir daher dreimal anschauen", sagt er.

Aus seinem Funkgerät knistert eine Stimme: "Dierk, wir brauchen dich." Ohne Grahlow geht hinter den Babelsberger Kulissen wenig. "Ich muss los", sagt er pflichtbewusst. Auch wenn er für Hollywood arbeitet - im Herzen ist er ein echter Mecklenburger geblieben.

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