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Lokales

23. November 2017 | 00:58 Uhr

Staatssekretär gleich Nazi-Täter?

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erstellt am 05.Okt.2010 | 08:05 Uhr

Demmin | Waren hohe Amtsträger in Hitler-Deutschland in jedem Fall Nazi-Täter? 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges soll das Greifswalder Verwaltungsgericht diese Frage prüfen. Der Auftrag kam in der vergangenen Woche vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. In einem Rechtsstreit um eine Entschädigung an die Erben von Hansjoachim von Rohr-Demmin, Staatssekretär im ersten Kabinett Hitler, gaben die Leipziger Richter den Klägern Recht und wiesen das Verfahren an das Greifswalder Gericht zurück. Das zu erwartende Urteil könnte zum Präzedenzfall werden.

"Das ist für uns eine Frage der Ehre, mein Vater war kein Nazi", sagt der Sohn, Hans Christoph von Rohr, im Gespräch mit unserer Redaktion. Seit 2006 befinden sich der Rechtsanwalt aus Mühlheim an der Ruhr und eine Erbengemeinschaft im Rechtsstreit mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Das Land will der Forderung der Erben nach einer Ausgleichszahlung in Höhe von 50 000 Euro für die mit der Bodenreform erfolgte Enteignung des 1200 Hektar großen Gutes Vorwerk bei Demmin und eines Brennereibetriebes nicht nachkommen. Die Entschädigung ist zwar generell nach dem Ausgleichsleistungsgesetz möglich. Doch das Land verweigert die Zahlung mit dem Hinweis darauf, dass Hansjoachim von Rohr-Demmin als Staatssekretär dem Hitler-Regimes erheblichen Vorschub geleistet habe. Das Greifswalder Verwaltungsgericht gab im Jahr 2009 in erster Instanz dem Land Recht. Doch die Erben zogen vor das Bundesverwaltungsgericht und hatten jetzt Erfolg.

In Demmin erinnert heute nur noch eine unscheinbare Tafel an der Wand eines einst prächtigen Herrenhauses an Hansjoachim von Rohr-Demmin. "Letzter Besitzer von Haus Demmin, Vorwerk und Lindenfelde" steht auf dem Schild.

Der, dem diese Erinnerungstafel gilt, war in der Weimarer Republik Vorsitzender des Pommerschen Landbundes und bis 1932 Abgeordneter der Deutsch-Nationalen-Volkspartei (DNVP) im Preußischen Landtag. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde von Rohr-Demmin Anfang Februar 1933 Staatssekretär im Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das vom damaligen Mediengiganten und DNVP-Politiker Alfred Hugenberg geleitet wurde. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit legte sich Rohr-Demmin mit Reichskanzler Adolf Hitler an. Der erzkonzervative Rittergutsbesitzer verweigerte ein Treffen mit Walther Darré, dem Leiter des NSDAP-Parteiamts für Agrarpolitik. Die Konflikte nahmen zu bis Ende September der Staatssekretär auf Anordung Hitlers in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde. 1934 wurde Rohr-Demmin im Zusammenhang mit dem sogenannten Röhm-Putsch von der SS gesucht. "Nur knapp entging mein Vater der Ermordung", berichtet Hans Christoph von Rohr. Der Gesuchte wurde gewarnt und verschwand über den Dachboden.

Laut Bundesverfassungsgericht hatte 1939 das Sicherheitshauptamt Rohr-Demmin als Staatsfeind des NS-Regimes in dem Verzeichnis "Rechtsopposition und Reaktion" aufgeführt. Die Situation eskalierte 1942 als Rohr-Demmin für zwei auf seinem Hof verstorbene sowjetische Kriegsgefangene eine christliche Beerdigung organisierte. Anstand und Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Ein Greifswalder Gericht verurteilte ihn dafür wegen "verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen" zu einer Gefängnisstrafe, die vom Reichsgericht in Leipzig trotz anders lautenden Befehls Hitlers aufgehoben wurde. Doch am 21. Juli 1944 wurde der Gutsbesitzer verhaftet und befand sich bis zur Befreiung durch die Rote Armee im April 1945 in Gestapo-Haft.

Die DNVP und ihr wichtigster Politiker Alfred Hugenberg hatten den Nazi 1933 im erheblichen Maße geholfen, an die Macht zu kommen. Einzelne aus dem erzkonservativen Lager leisteten Widerstand.

Die Rolle von Hansjoachim von Rohr-Demmin wird das Greifswalder Gericht bewerten. "Das Verhalten ist entscheidend, nicht das Amt", sagt der Sohn.

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