Spurlos in Perleberg verschwunden

Sylvia Pieper vom Stadtarchiv hat für die Ausstellung über das mysteriöse Verschwinden des Benjamin Bathurst, die bis zum 13. Dezember jeweils von 10 bis 16 Uhr  im 'Deutscher Kaiser' zu sehen ist, 22 Tafeln mit Kopien seltener Dokumente erstellt. Doris Ritzka
Sylvia Pieper vom Stadtarchiv hat für die Ausstellung über das mysteriöse Verschwinden des Benjamin Bathurst, die bis zum 13. Dezember jeweils von 10 bis 16 Uhr im "Deutscher Kaiser" zu sehen ist, 22 Tafeln mit Kopien seltener Dokumente erstellt. Doris Ritzka

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25. November 2009, 09:14 Uhr

Perleberg | Man schrieb den 25. November 1809. Vor dem Posthaus, dem Vorläufer des heutigen Postamtes in Perleberg, hielt eine Privatkutsche. Darin unter anderem der englische Gesandte Benjamin Bathurst. Nach dem Friedensschluss von Schönbrunn war er gezwungen, den Wiener Hof zu verlassen, nachdem er Kaiser Franz I. zu einem Bündnis mit Großbritannien gedrängt hatte. Doch Napoleon schlug die Österreicher und Bathurst war auf der Flucht. Auf seinem Weg über Berlin nach Hamburg, von wo er augenscheinlich auf dem Seeweg wieder nach England wollte, verloren sich seine Spuren in Perleberg. Allerdings nicht im "Weißen Schwan", wie langläufig in Veröffentlichungen zu lesen war.

In Perleberg angekommen, suchte Bathurst, der sich als Kaufmann Jean Koch eine falsche Identität zugelegt hatte, den hiesigen Stadtkommandanten auf. Jener galt als den Briten zugetan. Was sich hier und in den nächsten Stunden zugetragen hat, das vermag niemand mit Gewissheit zu sagen. Jedenfalls soll Bathurst im Laufe des Tages mehrmals die Pferde anspannen lassen haben, doch abgefahren ist die Kutsche nie.

Dokumente aus Nachlass über Perleberger Mysterium
Der polnische Historiker Andrzej Kosmin beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit diesem Mysterium. Über Arbeiten zur napoleonischen Zeit ist er auf Perleberg und diesen ungeklärten Fall aufmerksam geworden. Und hier stieß er auf interessante Dokumente, die einst Josef Schmidt aus Sindelfingen zusammengetragen hatte. Er wollte ein Buch schreiben, verstarb aber zuvor. Das Material, zwei Kartons voller Aufzeichnungen sowie vier Aktenordner, überließ er der kleinen Stadt in der Prignitz.

Das Verschwinden des englischen Gesandten gibt bis in die heutige Zeit Rätsel auf. Am 10. Dezember 1809 entdeckte man in einem Waldstück bei Quitzow ein Beinkleid, das man eindeutig Bathurst zuordnen konnte. Denn in den Hosentaschen steckte ein Zettel, gerichtet an dessen Frau. Als 1910 in jenem Waldstück ein Skelett gefunden wurde, glaubte man, auf die sterblichen Überreste des englischen Gesandten gestoßen zu sein. Beweisen konnte das aber niemand. Zweifel wurden laut, da bereits 1852 in der damaligen Hamburger Chaussee 128 unter der Schwelle der Stalltür ebenfalls ein Skelett entdeckt wurde. Der frühere Eigentümer, ein gewisser Mertens, war Hausknecht im damaligen Legerschen Gasthof. Er hatte mitbekommen, dass sich in der Stadt ein reicher Herr aufhielt. Erzählt wird, dass er diesen gemeinsam mit seinem Sohn des Geldes wegen umgebracht haben soll.

Aber auch das ist nicht bewiesen. Fakt ist hingegen, dass Benjamin Bathurst, der kein Lord war, in Perleberg spurlos verschwand. Eine Ausstellung, die am 28. November um 15.30 Uhr im "Deutschen Kaiser" eröffnet wird und ab 30. November öffentlich zugängig ist, zeigt Kopien behördlicher Dokumente aus verschiedenen Archiven zu Benjamin Bathurst. So aus dem Berliner Geheimen Staatsarchiv, aus dem Stockholmer und dem Prager. Auch Perleberg selbst hat einen Aktenordner zum Fall Bathurst. So fand sich im Posthaus der Pelz des Gesandten an. Die Frau des Wagenmeisters Schmidt nahm ihn an sich, um ihn vor Langfingern zu bewahren. Allerdings behauptete man, sie hätte ihn gestohlen. So musste sie vor Gericht, wurde aber nicht verurteilt. Und auch die Nachforschungen der Schwester von Bathurst, als man 1852 auf das Skelett stieß, sind aktenkundig. Doch Licht ins Dunkel vermochten auch sie nicht zu bringen.

Am 28. November, fast auf den Tag 200 Jahre später wird am Posthaus, Am Hohen Ende 27, um 14 Uhr eine Tafel enthüllt, die an das mysteriöse Verschwinden des englischen Gesandten erinnert. Anschließend führt ein Stadtrundgang an Schauplätze jenes Tages. Um 15 Uhr werden Schüler der Theater AG des Gottfried-Arnold-Gymnasiums die Ereignissen jenes 25. November 1809 in eine eigene Fassung bringen und im "Deutschen Kaiser" in Szene setzen. Tags darauf, am 29. November um 14 Uhr, läuft im Union-Theater der Ufa-Film "Der höhere Befehl" aus dem Jahre 1935.

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