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Lokales

21. Oktober 2017 | 18:07 Uhr

Spurensuche nach 65 Jahren

vom

svz.de von
erstellt am 03.Aug.2010 | 05:15 Uhr

Wöbbelin | In den letzten Kriegswochen 1945 diente das KZ in Wöbbelin, ein Außenlager des KZ Neuengamme, als Evakuierungslager. Hier trafen zwischen dem 13. und 26. April mehr als 4000 Häftlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern ein. Starben sie hier durch Gewalt, Hunger oder Krankheiten, endeten sie als Nummer in einem Massengrab. Manchmal erhielten die Angehörigen Jahre nach Kriegsende die Nachricht über den Tod des Verwandten. Über den Leidensweg und Begräbnisplatz gab es nur vage Vermutungen.

Die Gedenkstätte in Wöbbelin hilft Angehörigen von Häftlingen deren Schicksale zu rekonstruieren. Eine Geschichte soll hier erzählt werden.

Ein letzter Brief aus dem Lager Amersfoort

Es war ein sonniger Sonntagmorgen im November 1944. Der Postbote Bastiaan Herman saß mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in der holländischen Stadt Alkmaar am Frühstückstisch. "Wir sprachen über seinen Geburtstag am 20. November, an dem er 51 Jahre alt werden würde. Gerade als ich den letzten Schluck Ersatz-Tee getrunken hatte, war heftiges Klopfen an der Tür zu hören und deutsche Stimmen riefen: ,Macht auf! Drei Soldaten mit Gewehren kamen herein und brüllten: ,Mitkommen!", erinnert sich Tochter Hanna van Amstel-Herman. Sie verhafteten den Vater und führten ihn ab. Hanna folgte der Polizei mit dem Fahrrad bis zur deutschen Kommandantur der Stadt. Der Vater bemerkte sie und drehte sich zu ihr herum. Sie erhaschte einen letzten Blick, bevor er zwischen zwei Polizeibeamten im Gebäude und für immer ihren Blicken entschwand.

Bastiaan Herman hatte nicht nur die Karten und Briefe, sondern auch Informationen für den Widerstand transportiert. Er war verraten worden. Im Dezember 1944 erreicht die Familie ein letzter Brief aus dem Lager Amersfoort.

Im Oktober 2007 klingelte, wie so oft, das Telefon in den Räumen der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin. Hanna van Amstel-Herman aus den Niederlanden erkundigte sich nach Möglichkeiten, die Gedenkstätten zu besuchen. Im Alter von 82 Jahren hatte sie endlich eine Spur ihres Vaters Bastiaan Herman gefunden. Diese Spur, ein Buch mit den Namen niederländischer KZ-Opfer, führte nach Wöbbelin bei Ludwigslust. In diesem Buch ist neben dem Namen Bastiaan Herman, sein Sterbedatum 14. März 1945 und der Ort, das Konzentrationslager Wöbbelin, verzeichnet. Obwohl Hanna lange Jahre nicht nach Deutschland kommen wollte, entschied sie sich nun, nach Wöbbelin zu fahren. Sie brachte Unterlagen und Fotos ihres Vaters mit. Die Leiterin der Gedenkstätte, Ramona Ramsenthaler, verglich diese mit ihren Unterlagen. In einer, von einem Häftling geführten Liste, fand sie den Gesuchten. Er war mit dem ersten Transport aus dem KZ Neuengamme am 15. Februar in das KZ-Außenlager Wöbbelin gekommen und am 14. März im Lager verstorben. Frau Ramsenthaler konnte an Hand des Datums mit Bestimmtheit sagen, dass Bastiaan Herman auf dem Bestattungsplatz der Gedenkstätte in Wöbbelin liegt. Diese konkrete Aussage ist nur für die KZ-Häftlinge möglich, die im Zeitraum 17. Februar bis 23. März 1945 verstarben. Diese ersten Toten aus dem KZ waren am Ende des Wöbbeliner Friedhofs in einem Massengrab beerdigt worden. 1951 erfolgte die Umbettung der Toten auf den Bestattungsplatz an der Gedenkstätte.

Blumen am Gedenkplatz an der B 106 gepflanzt

Hanna van Amstel-Hermann, ihre Tochter Lieke und Schwiegersohn Harry Vogels sahen zum ersten Mal den Begräbnisort. Sie waren aufgewühlt und ergriffen. Lieke van Amstel und Harry Vogels nahmen im Mai 2008 an der Gedenkveranstaltung in Wöbbelin teil. Lieke pflanzte Blumen am Gedenkplatz an der B 106. Sie bedankte sich. Endlich war die Mutter zur Ruhe gekommen. Sie fand die Erde, in der ihr Vater ruht, und einen Ort zum Trauern. "Ich weiß es nun! Jetzt kann ich Blumen niederlegen, wo er begraben liegt, und ich kann bei seinem Namen auf dem Gedenkplatz Rosen niederlegen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass mein Vater geehrt wird, dass an ihn gedacht wird", resümiert Hanna.

Die Verbindung zur Familie in den Niederlanden bleibt und wächst. Im Mai 2010, anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zur Befreiung des Konzentrationslagers, überreicht Lieke van Amstel den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin ihr in deutsch übersetztes Buch "Bastiaan Herman" über das Leben und Leiden ihres Großvaters.

Die Idee zu einem neuen Buchprojekt mit Lebensgeschichten der niederländischen KZ-Häftlinge wird geboren. Zwanzig Familien werden sich daran beteiligen und über das Leben ihrer Väter und Großväter berichten.

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