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Lokales

21. August 2017 | 16:08 Uhr

Sparkurs zu Lasten behinderter Kinder

vom

Dobbertin | Ein Schlag ins Gesicht für Eltern mehrfachbehinderter Kinder: Nach dem Willen von Bildungsminister Henry Tesch (CDU) sollen die Kosten zur individuellen Einzelförderung an Schulen in freier Trägerschaft ab diesem Schuljahr nicht mehr übernommen werden. Schulen zur individuellen Lebensbewältigung sollen somit durchschnittlich 18,5 Prozent weniger an Zuweisung für die Arbeit mit geistig behinderten Kindern erhalten. Die neue Kostensatzverordnung aus dem Hause Tesch hat bereits im Sozialministerium und dem Integrationsförderrat Wellen geschlagen: Hier fühlt man sich vom Bildungsminister regelrecht übergangen, wirft Tesch einen Alleingang vor und befürchtet einen aus dem Erlass resultierenden Ämtermarathon für betroffene Eltern. "Es kann nicht sein, dass wir Eltern zum Sozialamt schicken, nur damit ihre Kinder zur Schule gehen können", bemängelte Sozialministerin Manuela Schwesig (wir berichteten).

Das wollen auch betroffene Eltern nicht hinnehmen. "Ich habe doch schon eine zusätzliche Belastung. Kann man mich nicht einfach mal in Ruhe lassen?", fragt Nicola Robbin. Doch immer wieder sieht sich die Mutter einer schwerst mehrfachbehinderten Tochter mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Erst ein Rechtsstreit für eine Begleitperson, die ihre Tochter zur Schule bringt, Anfang dieses Jahres dann die geplante Änderung der Kostenübernahme für die Schulbeförderung, nun erneute Geldkürzungen - die Baustellen, die sie zusätzlich zum arbeitsintensiven Alltag mit ihrer behinderten Tochter angehen muss, scheinen kein Ende zu nehmen. Entlastung findet sie bisher durch die Schule für individuelle Lebensbewältigung Dobbertin. "Seit Charlotte hier ist, kann ich wieder leben und etwas Normalität in meinen Alltag bekommen", sagt Robbin. Bevor sie ihre Tochter in Dobbertin einschulen ließ, war Robbin kurz davor, ihrer Charlotte eine Sonde zur Ernährung legen zu lassen, so schwer war der täglich Kampf mit dem Essen. Heute ist dies längst kein Thema mehr - dank der Mühen des Schul-Teams aus Dobbertin. In Einzelbetreuung wird Charlotte hier das Essen und das Laufen beigebracht. "So konnte ich ihr auch eine große Hüftoperation ersparen", sagt Robbin.

Erfolge stellen sich zwar nur langsam ein, verbessern die Lebensqualität behinderter Kinder wie Charlotte aber nachhaltig. "Ich sehe das als Lernleistung an. Es kann sich zwar über zehn Jahre hinziehen, aber es ist Lernen", stellt Robbin klar. Bildungsminister Tesch scheint dies anders zu sehen, stuft solche Einzelbetreuungen als pflegerische Maßnahmen ein, die vom Land nicht mehr wie bisher finanziert werden sollen. "Das ist doch keine Pflege. Es ist ,Ich bringe dir das Essen bei und nicht ,Ich füttere dich", verdeutlicht Robbin. Für schwerst mehrfachbehinderte Kinder, die weder laufen noch sprechen können, hätten gängige Unterrichtsinhalte wie Rechnen oder Schreiben wenig Sinn, so Robbin. "Sie lernen, das Leben zu bewältigen. Und das ist ein ständiger Kampf." Ein Kampf, bei dem betroffene Eltern auf Unterstützung angewiesen sind. Mit seinem Erlass wirft Henry Tesch nun der Arbeit mit behinderten Kindern regelrecht Steine in den Weg. Denn ohne Gelder gibt es auch kein Personal, dass sich in Einzelbetreuung um die Kinder kümmert. Doch genau zu diesem Zweck waren Schulen zur individuellen Lebensbewältigung ursprünglich gedacht. "Ich habe das Gefühl, was wir uns in 20 Jahren erarbeitet haben, wird nun kaputt gemacht", sagt Dagmar Stubbe, Schulleiterin in Dobbertin. Um das zu verhindern, macht die Aktionsbündnis "Wir lassen uns nicht behindern" mobil: Mit einer Demonstration vor dem Kultusministerium und dem Landtag in Schwerin wollen sie den Bildungsminister zum Einlenken zwingen. Ihre Forderung: Die geänderte Kostensatzverordnung soll außer Kraft gesetzt werden, bis zur Neufassung einer mit allen Beteiligten abgestimmten Rechtsverordnung. Zum Protestzug werden am Mittwoch, 15. September, ab 11 Uhr Schüler und Eltern aus dem ganzen Land erwartet. Mit dabei sind auch die Dobbertiner. "Wir hoffen, dass, wenn wir uns alle gemeinsam dahinter stellen, die Sache ein für alle Mal vom Tisch ist", sagt Nicola Robbin.

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erstellt am 10.Sep.2010 | 06:40 Uhr

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