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Lokales

20. November 2017 | 14:52 Uhr

Spannende Zeit von 1989 bis 90

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erstellt am 01.Okt.2010 | 07:12 Uhr

Gadebusch | Morgen ist es 20 Jahre her, dass die DDR und die Bundesrepublik zu einem Staat vereint wurden. Das nahmen einige Gadebuscher jetzt zum Anlass, sich über ihre eigenen Eindrücke zur Wendezeit und der Wiedervereinigung auszutauschen. Luise Krüger (Die Linke) hatte dazu eingeladen und fragte direkt in die Runde: "Wo haben Sie 1989/90 gelebt und was dabei erlebt?"

So unterschiedlich die Erlebnisse und Eindrücke der auch durchaus unterschiedlichen Menschen dieser Gesprächsrunde waren, einte sie aber ein Eindruck. Die Zeit zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 hat bei ihnen einen größeren Eindruck hinterlassen, als das Datum der Wiedervereinigung.

"Ab den ersten freien Wahlen war die DDR zunehmend mein Land, das nun zu verschwinden begann. Ein Land, in dem man auch politisch etwas mitgestaltet hatte", berichtet zum Beispiel Gadebuschs Pastorin Ariane Baier. Sie erlebte auch die Ängste der Menschen hautnah mit. "Ich hatte viel mit Seelsorge zu tun. Menschen, die um ihr heim fürchtete, weil sich früheren Besitzer melden könnten oder Leute die arbeitslos wurden suchten Hilfe und Beratung", erinnert sie sich.

Von Ängsten berichtet auch Iris Brincker, die Leitende Verwaltungsbeamte des Amtes Lützow-Lübstorf. "Mein Mann war 1989 noch zur Armee eingezogen worden. Er wurde in Laage bei der Luftwaffe stationiert", erzählt sie. Auch Lydia Schulz, heute Leiterin des Arbeitslosentreffs, verbindet Ängste mit der Wiedervereinigung, die sie dennoch nicht missen möchte. "Die Landwirtschaft stand vor einer Neuordnung", schildert die Roggendorferin, die zu DDR-Zeiten Feinmechanikerin gelernt hatte und in der LPG als Dreherin und später als Sachbearbeiterin gearbeitet hatte. Sie wurde schließlich arbeitslos. "Ich habe immer wieder neu angefangen und musste mich stark motivieren", sagt sie.

Andreas Lausen vom Amt Gadebusch pflichtet ihr bei. "Im Westen haben die Menschen kaum Einschnitte durch die Wiedervereinigung gespürt, aber nur rund ein Drittel der Ostbürger konnte im bisherigen Beruf bleiben", erinnert er. Etwas lachen muss Erhard Bräunig heute über seine Gedanken in der Wendezeit. Es war die Gründungszeit des neuen Forums und der SPD im Landkreis, was er als spannende Entwicklung empfindet. "Aber ich glaubte damals an eine Reform der DDR", schildert er, dass es auch Menschen gab, die die DDR behalten aber verändern wollten. "Am 9. November dachte ich dann wirklich kurz: Jetzt laufen uns alle weg."

Unterschiedliche Abschiede vom Hammer-und-Sichel-Staat

Ob Luise Krüger als damalige PDS-Kreisvorsitzende ähnlich dachte, berichtet sie nicht. Sie schildert aber ein Erlebnis in Rehna am 3. Oktober 1990. "Wir wollten uns mit Würde von der DDR verabschieden", berichtet sie von einem Vorhaben der PDS, das dann aber offenbar ins Auge ging. "Auf dem Rehnaer Marktplatz wurden wir mit Eiern beschmissen und haben unsere Feierstunde dann hinter geschlossenen Türen abgehalten", berichtet sie.

"Eine offizielle Feier zum Tag der Deutschen Einheit gab es nicht", erinnert sich Rudolf Pieper, der 1990 hauptamtlicher Bürgermeister von Gadebusch war. "Aber es gab eine Feier zwischen Mustin und Roggendorf mit Menschen aus dem Osten und aus dem Westen", sagt Pieper, den an der DDR vor allem die eingeschränkte Reisefreiheit gestört hatte. "Nicht nach Ratzeburg oder Lübeck zu kommen, obwohl es so nah war und die Älteren Gadebuscher davon erzählten, war emotional sehr schwer zu ertragen. Heute haben sich gerade zwischen Gadebusch, Lübeck und der Region Herzogtum Lauenburg viele Freundschaften entwickelt. Davon weiß auch Andreas Lausen zu berichten, aber auch von der regionalen Einordnung. Lausen stieg 1991 beim Amt Gadebusch ein. "Ich bin hier der Wessi und im Westen der Ossi, obwohl ich schon lange in Groß Thurow wohne", sagt Lausen.

"Ich war am 3. Oktober gerade in einer Beratung mit allen Kindergärtnerinnen", sagt Udo Drefahl, der 1990 erster Landrat im Landkreis Wismar war. "Sie hatten große Sorge, nicht weiter beschäftigt zu werden, nachdem die Gemeinden neue Arbeitgeber geworden waren." Abends sei er dann nach Berlin ans Brandenburger Tor gefahren, um die Wiedervereinigung zu feiern. "Morgens um 4 Uhr war ich dann wieder zurück", beschreibt er seine erste Nacht in der vereinten Bundesrepublik.

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