Soziale Armut wächst

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07. Dezember 2009, 11:42 Uhr

Güstrow | Die Zahl der Obdachlosen in Güstrow ist rückläufig. Die soziale Armut wächst dennoch. Wurden vor fünf Jahren noch 18 Männer und Frauen als Bürger ohne festen Wohnsitz registriert, so sind zurzeit zehn Personen bekannt, die ohne Obdach leben. Vier von ihnen konnte das Ordnungsamt in das Sozialhaus der Volkssolidarität - bekannt als Obdachlosenhaus an der Lagerstraße - einweisen. Sechs Bürger, so erklärt die Pressesprecherin der Stadt, würden jede Hilfe, insbesondere die Einweisung in das Obdachlosenheim ablehnen. Sie, so Barbara Zucker, leben in alten Ruinen im Bereich Speicherstraße und Bahnhof.

Allerdings räumt die Stadt eine Dunkelziffer ein. Schätzungen des Sozial- und Ordnungsamtes gehen von einer Größenordnung zwischen 50 und 80 Personen aus. Bekannt sei, dass diese zum Teil in Gartenhäusern, bei "Kumpels" oder hin und wieder bei den Eltern wohnen würden. In der Regel ginge das so lange gut, bis dort die Situation "explodiert".

Die Zahl der Obdachlosen, so schätzt die Stadt ein, habe reduziert werden können, weil ein Teil der Bürger die Hilfsangebote der Volkssolidarität (VS), die Sozialhäuser in Güstrow, Laage und Teterow unterhält, angenommen haben und seither ständig in der Lagerstraße betreut werden. Andere seien in den vergangenen Jahren verstorben.


Ursachen: Alkohol, Drogen, Schulden
Die Volkssolidarität hat ihr Konzept vor zwei Jahren geändert. "Wir bieten seither in der Lagerstraße sozial betreutes Wohnen an", berichtet Barbara Schäfer, stellvertretende Geschäftsführerin. 30 Männer und eine Frau würden derzeit dieses Angebot nutzen. Darüber hinaus, so Schäfer, stünden sechs Betten für akute Fälle von Obdachlosigkeit zur Verfügung. "Hierfür haben wir einen Vertrag mit der Stadt. Die Einweisung erfolgt über das Ordnungsamt", fügt Schäfer hinzu. Im Bereich des sozial betreuten Wohnens sei es das Ziel, breit gestreute Hilfen anzubieten, damit die Betroffenen ihr Leben wieder in die eigenen Hände nehmen können. Notfalls, so Schäfer, könnten sie aber auch bis zum Lebensende im Sozialhaus bleiben.

Ursachen für die Obdachlosigkeit sieht die stellvertretende VS-Geschäftsführerin in erster Linie in Verhaltensauffälligkeiten und ungeordneten Lebensverhältnissen. Dabei, so fügt Thomas Mense, Leiter des Sozialhauses hinzu, spielen nach wie vor Alkohol, Drogen und Schulden eine Rolle. "Die Menschen sind zu einer selbstständigen Lebensführung nicht mehr in der Lage", erklärt er. Auffällig dabei: Die Obdachlosen bzw. sozial Betreuten werden immer jünger. Lag das Durchschnittsalter in den 1990er-Jahren zwischen 50 und 60, so seien es heute auch 18- bis 25-Jährige. "Ihnen fehlt Perspektive und Orientierung", stellt Schäfer fest.

Stadt zahlt in 1377 Fällen Wohngeld
Auch die Stadt sieht sinkende Obdachlosenzahlen nur als eine Seite. Dank guter Zusammenarbeit zwischen Sozialamt, Wohnungsgesellschaften und Schuldnerberatungsstellen habe man dieses Jahr vier Räumungsklagen abwenden können. Für die ersten elf Monate des Jahres stünden aber 15 Räumungsklagen zu Buche. Aber: "Immer mehr Bürger sind auf Hilfen angewiesen", betont Stadtsprecherin Zucker. Deutlich mache das die Entwicklung bei der Ausreichung von Wohngeld. Es wurde in Güstrow im November in 1377 Fällen gezahlt. Vor einem Jahr im November waren es 763 Fälle. In Euro ausgedrückt hat sich die Summe des Wohngeldes von 58 712 Euro im November 2008 verdreifacht. Im vergangenen Monat überwies die Stadt 183 542 Euro an Hilfeempfänger.

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