Sonntags Kirche oder Konsum

Das Werbeplakat in Seelin auf Rügen ist Schnee von gstern. Die Läden in Urlaubsorten von Mecklenburg-Vorpommern bleiben künftig an Sonntagen häufiger geschlossen.dpa
Das Werbeplakat in Seelin auf Rügen ist Schnee von gstern. Die Läden in Urlaubsorten von Mecklenburg-Vorpommern bleiben künftig an Sonntagen häufiger geschlossen.dpa

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07. April 2010, 08:35 Uhr

Rostock/Schwerin | Der Ärger sitzt tief: Die Unternehmen rechneten mit den Umsätzen aus der Sonntagsöffnung, meint Torsten Haasch, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Neubrandenburg (IHK). Künftig können sie das nicht mehr: Mit dem Urteil des Oberverwaltungsgerichtes Greifswald, den sonntäglichen Einkaufsbummel am Ostseestrand künftig stark einzudämmen, fürchten Händler und Touristiker ums Geschäft. Die Händler müssen schnell Klarheit haben, wie es weitergeht, fordert Haasch. Die Unternehmen benötigten Planungssicherheit. Angesicht der schwierigen wirtschaftlichen Lage sorge die Bäderregelung dafür, dass Kaufkraft von Besuchern Mecklenburg-Vorpommerns im Land bleibt. Zudem sei die Sonntagsöffnung unverzichtbar, um mit anderen Tourismusregionen konkurrieren zu können. Das dürfe schwer werden.

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Touristen in MV sind die Umsatzbringer

Der Streit um die Sonntagsöffnung ist so alt wie die Bäderregelung selbst. Anfang der 90er-Jahre hatte der damalige FDP-Wirtschaftsminister Conrad-Michael Lehment eine erste entsprechende Verordnung in MV auf den Weg gebracht - seitdem hat das Land bei Kirchen und Gewerkschaften Kritik geerntet. Bei Händlern und Touristikern sitzt der Frust hingegen tief: "So eine Regelung wie wir hatten, werden wir nicht mehr bekommen", weiß Heinz Kopp, Landeschef des Einzelhandelsverbandes. Chance vertan: Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) habe Ladenöffnungszeiten" nach Gutdünken verordnet" und sei damit übers Ziel hinausgeschossen, kritisiert der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jochen Schulte, das bisherige Verfahren. Kritik auch von der Linken: "Die Politik der Landesregierung nach Gutsherrenart ist gescheitert", meint Fraktionschef Helmut Holter und fordert bei einer Neuregelung Ausgleichsregelungen, die die Belastungen der Beschäftigten auf ein erträgliches Maß reduzierten. Trotzdem: "Es hätte schlimmer kommen können", meint Kopp. Schließlich habe das Gericht die Verordnung nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

Das wird trotzdem nichts daran ändern, dass die Händler sich auf Umsatzverluste einstellen müssen. Dabei waren gerade die Touristen die Umsatzbringer in MV. Während das Geschäft mit einheimischen Kunden stagniere, geben Urlauber immer mehr aus. 1,5 der insgesamt 7,5 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete der Einzelhandel in MV 2009 durch den Tourismus, rechnete Kopp vor. 2004 war es nur eine Milliarde Euro. Unternehmen, die Sonntag öffnen dürfen, erwirtschafteten zehn Prozent damit ihres Umsatzes, ergaben Branchenanalysen. Der Trend gehe zum Kurzurlaub, meist am Wochenende, meint Kopp. "Da wird am Sonntag der Umsatz gemacht." Nun nicht mehr.

Vorerst: Denn die Debatte um den reglementierten Ladenschluss wird durch das gestrige Urteil neu entfacht. Keine gute Entscheidung für das Urlaubsland MV, erklärte Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU). Die Menschen sollten vor Ort entscheiden können, ob sich eine Öffnung lohnt oder nicht. "Niemand wird gezwungen, sein Geschäft am Sonntag zu öffnen. Die Verordnung ist ein Angebot an die Touristen und an die Wirtschaft unseres Landes frei von der Bevormundung durch Dritte selbst zu entscheiden", meinte der CDU-Politiker und erhielt Rückendeckung von der FDP. Die Entscheidung "wiegt schwer auf dem touristisch geprägten Einzelhandel in den betroffenen Orten", kritisierte FDP-Fraktionschef Michael Roolf. Für viele Touristen gehöre der ruhige und entspannte Einkaufsbummel ebenso zu einem erholsamen Urlaub, wie der lange Spaziergang und das anschließende Abendessen.

"Das Leben besteht nicht nur aus Konsum"

Das zählt für die Kritiker wenig: Der Sonntag sei generell der Tag, "der den Menschen und der Gesellschaft die nötige Besinnung bringt", stellt Landesbischof Dr. Andreas von Maltzahn heraus. "Der Sonntag unterbricht den Alltag und gibt Raum für die eigene Besinnung, für die Familie, für Freunde", meint er. "Der Sonntag als geschützter Tag erinnert daran, dass das Leben nicht nur aus Konsum besteht", meint etwa Landespastor Martin Scriba.

Die Strategie der Kirche verwundert: Was in Deutschland zu heftigen Auseinandersetzungen führt, bringt beispielsweise im katholischen Polen kaum jemanden auf. Tourismusverbandschef Bernd Fischer: Während beispielsweise auf Usedom die Geschäfte schließen müssen, können "nur wenige Kilometer weiter auf polnischem Terrain die Händler selbst bestimmen, ob und wann sie öffnen, selbst an den kirchlichen Feiertagen".

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