Schwerin: Mecklenburgischen Staatstheater : Singspiel mit Suppenhühnern

Archetypen des TV-Wahnsinns bei ihrer Ode an die Fernbedienung: Özgür Platte, Bernhard Meindl, Brit Claudia Dehler, Dirk Audehm, Katrin Heller, Christoph Bornmüller und Klaus Bieligk Silke Winkler
Archetypen des TV-Wahnsinns bei ihrer Ode an die Fernbedienung: Özgür Platte, Bernhard Meindl, Brit Claudia Dehler, Dirk Audehm, Katrin Heller, Christoph Bornmüller und Klaus Bieligk Silke Winkler

Wenn Schauspieldirektor Peter Dehler und sein hochmusikalisches Staatstheater-Ensemble sich über die inflationäre Superstartalenttopmodelsuche im Fersehdschungel hermachen, dann muss gesungen werden.

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21. Oktober 2011, 10:44 Uhr

Natürlich ist es kein Schauspiel geworden. Wenn Schauspieldirektor Peter Dehler und sein hochmusikalisches Staatstheater-Ensemble sich über die inflationäre Superstartalenttopmodelsuche im Fersehdschungel hermachen, dann muss gesungen werden. Und es wird fast nur gesungen. „Deutschland sucht das Suppenhuhn oder: Ich bin kein Star, lasst mich hier drin. Ein Schauspiel“ ist ein typisches Peter-Dehler-Singspiel geworden, das Hoch- und Tiefsinn des Fernsehens durch den musikalischen Fleischwolf dreht und zur grellen Collage klebt.
Im trashigen Ambiente, für Bühne und Kostüme zeichnet Claudia C. Burchard verantwortlich, gibt es umgetextete Rock- und Popklassiker, vom Ensemble und dem bemerkenswerten Klavier-Tier John R. Carlson kongenial dargeboten.

Özgür Platte als ballonseidener Knuddelproll legt los mit „Mama, der Kühlschrank brennt“, Freddie Mercury wird die „Bohemian Rhapsody“-Variation verzeihen. Dann folgt eine skurrile Nummer der nächsten, unterbrochen von kleinen Parodien des großen Fernsehwahnsinns.
Ausgerechnet die Reckengestalt Dirk Audehm steckt in Leopardenmini und Stöckelschuhen – die Monstertranse mit Peg-Bundy-Frisur braucht dauernd einen Schuss Sprühsahne. Katrin Heller als kleiner, dicker, einsamer Mann wirft sich Audehm an den Riesenbusen, beide versuchen, eine imaginäre Jury mit gestümperter Gymnastik zu rühren.
Bernhard Meindl als Greis mit Opa-Hoppenstedt-Akzent verliert die Kontrolle über seinen rechten Arm. Zu Vince Clarkes „Only You“-Melodie (bekannt durch die Flying Pickets) singt das Ensemble „Er hat noch den Führer gekannt“.
Christoph Bornmüller ist ein liebenswerter Loser von küblböckscher Gestalt und hat ein tragikomisches „Ich bin so geil und brauch es jetzt“-Solo in der Rap-Collage aus Telefonsexwerbungsfragmenten.
Pausen? Durchatmen? Nichts da, das hier ist wie eine 24-Stunden-Fernsehüberdosis. Der Wahnsinn hat noch Luft, Bernhard Meindl berserkert sich durch einen Monolog aus echten und erdachten TV-Formaten: „XXL – dein Fett stößt mich ab“, „Sperma-Quiz – Wer ist hier der Vater?“. Riesentranse Audehm liefert mit „Trink!“ eine göttliche Version von Aretha Franklins „Think“ ab. Brit Claudia Dehler irrlichtert als Amalgam aus Lady Gaga, Manga-Girlie und Nina Hagen in der esoterischen Endphase durch die Szene, und Dompteur Klaus Bieligk heizt Dummdeutsch-Keilereien an, wie aus dem vormittäglichen Unterschichtenfernsehen.

Mehr Show als Talk, mehr Inszenierung als Doku, die Supernanny lässt grüßen, mehr Schein als Sein. Danke, Frau Klum. Zu ungelenken Laufsteg-Posen dröhnt Vangelis’ pathetisches „Conquest of Paradise“. Für jedes Möchtegernmodel ist eben „Germany’s next Topmodel“ der persönliche Seeweg nach Indien.

Aber Klaus Bieligk hat für niemanden ein Foto – auch nicht für sich selbst. Am Ende landen alle Suppenhühner im großen Topf. Deckel drauf und gut gelacht? Schön fremdgeschämt über die Idioten da, die sich von Dieter, Heidi und Co. demütigen lassen? So einfach lässt Dehler sein Publikum nicht davonkommen. Denn natürlich, und diese Erkenntnis schleicht sich in jede erkannte Anspielung, ist auch der selbstgewisse Bildungsbürger längst infiziert mit der kulturellen Fäulnis des Null-Mediums Fernsehen. So, wie in der Tagesschau-Textcollage die ernsten Nachrichten allmählich in einem Teppich aus Nonsens untergehen, wäscht die Flut des Belanglosen im Fernsehen echte Inhalte weg. Sicher, wir verziehen den Mund über die trübe Suppe, die uns RTL und Co. immer wieder servieren. Aber wir essen sie. Die verlachten Opfer dort auf der Bühne, unter deren Masken am Ende die Menschen zum Vorschein kommen – das sind auch wir.
„Deutschland sucht das Suppenhuhn“ schließt – nach den bei Dehler fast obligatorischen Takten Lennon/McCartney – mit ganz leisen Tönen. „Der Mond ist aufgegangen“ erklingt, das Abendlied von Matthias Claudius. Populärkultur ihrer Zeit ist das und bis heute ein so großer Hit, wie ihn Dieter Bohlen nie schreiben wird. Denn Claudius besingt nur vordergründig ein Idyll und blickt weit tiefer. Auf den zweiten Blick ist das Abendlied ein memento mori: „Wir stolze Menschenkinder / Sind eitel arme Sünder / Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste / Und suchen viele Künste / Und kommen weiter von dem Ziel.“
Ein Peter-Dehler-Singspiel, wenn wir es denn so nennen wollen – das ist mittlerweile eine Art Markenprodukt des Schweriner Theaters. Es heißt erstens: Man kann sich prächtig amüsieren. Zweitens gibt es auch etwas zum Nachdenken mit auf den Nachhauseweg. Und diesmal sogar die Erkenntnis, dass es möglich ist, in einer wilden Trash-Revue eine bedeutende Frage der Zeit zu verhandeln.

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