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Lokales

17. August 2017 | 11:57 Uhr

Silberschatz auf dem Acker

vom

Anklam/Greifswald | Bedrohliche Wolken hängen über dem Acker bei Anklam, doch für einen Blick in den Himmel hat Peter Dachner keine Zeit. Er und weitere neun ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger schwenken ihre Metalldetektoren über den Ackerboden. Dachner konzentriert sich auf die Töne in seinen Kopfhörern. Plötzlich hält der Mann aus Ueckermünde inne, bückt sich und zerkrümelt die Erde zwischen seinen Fingern. Was er an diesem Tag Ende August in den Händen hält, kann er kaum glauben - eine Silbermünze mit arabischen Schriftzeichen und Verzierungen. Rund 1200 Jahre alt, wie sich später herausstellt. "Ein echtes Designerstück", sagt Dachner. Auch seine Kollegen, die inzwischen durch Regengüsse nass bis auf die Knochen sind, sowie die Experten vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege und der Uni Greifswald bergen weitere Stücke.

Mitten auf dem Acker - auf einem Areal von 20 mal 25 Metern - haben die Archäologen einen der spektakulärsten Funde aus dem frühen Mittelalter im südlichen Ostseeraum gemacht. 82 Münzen und Münzfragmente, einen Silberreif und drei Silberbarren holen sie aus der Erde. "Münzschätze aus dieser Zeit sind äußerst selten, in der Menge ist das einer der wirklich bedeutenden", sagt Archäologe Michael Schirren von der Landesbehörde. Ein Teil der Münzen ist inzwischen datiert, die älteste stammt aus der Zeit um 610, die jüngste aus der Zeit um 820. Der bis dahin letzte spektakuläre Silberschatz aus dem 8./9. Jahrhundert war 1973 bei Ralswiek geborgen worden.

"Der Fund arabischer Münzen an der Ostseeküste beweist, dass es bereits vor mehr als 1200 Jahren einen globalen Handel gab", sagt der Greifswalder Historiker Fred Ruchhöft. Die Münzen wurden in Regionen geprägt, die heute in Nordafrika, im Iran, Irak oder Afghanistan liegen. Über osteuropäische Handelsrouten entlang des Schwarzen Meeres, des Dnjepr, der Wolga und dann der Ostsee seien die Münzen in der Größe von Zwei-Euro-Stücken dann nach Nordeuropa gelangt.

Der Fund in der Nähe eines slawischen Siedlungsplatzes erweitert die Kenntnisse über den Handel im südlichen Ostseeraum und die Bedeutung dieser Region. Im Frühmittelalter war das Land an der Peene, das heute unter einem dramatischen Bevölkerungsschwund leidet, eine Art "Boomregion", wie der Historiker berichtet. Mit der Peene hatte die Region einen direkten Zugang zur Ostsee. Der Siedlungsplatz befand sich nahe der Wikinger-Siedlung Menzlin, die ein strategisch bedeutender Stützpunkt und Umschlagsplatz für den Handel in Richtung Westen und nach Osten in Richtung Nowgorod war.

Nach Einschätzung Ruchhöfts pflegten die Slawen und Wikinger als Nachbarn nicht nur ein friedliches Miteinander, sondern auch einen regen Handel. "Auf diese Weise lässt sich auch erklären, wie arabische Münzen in slawische Hände kamen." Die Münzen könnten aber auch über arabische Kaufleute oder slawische Handelsreisende direkt in die Region gebracht worden sein.

Angelangt in Pommern, verloren die Münzen allerdings ihren monetären Wert, wie Ruchhöft sagt. Entscheidend sei nicht mehr der Zahlungswert, sondern nur noch das Gewicht der Silbermünze gewesen. Die ästhetisch prachtvoll gestalteten Münzen wurden zerhackt und dann gewichtsweise eingetauscht. Für rund 200 Gramm Silber - so viel wiegt der Schatz - konnte sein Besitzer vier Ochsen oder mit etwas Handlungsgeschick einen Sklaven erwerben.

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erstellt am 05.Sep.2010 | 06:36 Uhr

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