Sensationelle Funde im Uhle-Quartier

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Schaufel für Schaufel wird der Boden der Baugrube untersucht. Cordes (6)

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30. Juli 2010, 07:16 Uhr

Altstadt | Die Augen des Archäologen Dr. Frank Wietrzichowski leuchten beim Blick über die Ausgrabungsstelle im Herzen Schwerins. Er spricht von sensationellen Funden, einzigartiger Dokumentation der Siedlungsgeschichte und bedeutsamen Belegen wissenschaftlicher Theorien. Denn die rund 600 Quadratmeter große Baugrube für das künftige Schlossquartier im Areal zwischen Schuster-, Busch- und Schlossstraße ist überaus reich an Fundstücken, die weit mehr wissenschaftliche Erkenntnisse bringen als nur zur Schweriner Stadtgeschichte.

Grabungsleiter Dr. Wietrzichowski erläutert dies gern. Er weist auf die schon von Heinrich Schliemann angewandte Schnitttechnik im Grabungsareal hin, durch die die unterschiedlichen Siedlungsabschnitte sehr anschaulich zu Tage treten: An den tiefsten Grabungsstellen ragen Eichenhölzer aus dem verdichteten Torfboden. Sie stammen aus dem 9. bis 11. Jahrhundert und zeigen deutlich die Grundrisse der Häuser der slawischen Bewohner des Stadthügels - ähnlich wie im archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden. "Schon wenige Jahre nach dem Sieg von Heinrich dem Löwen über Niklot setzte die deutsche Besiedlung des Stadthügels ein", erklärt der Archäologe. Das habe die dendrologische Altersbestimmung der über der slawischen Bebauung befindlichen Balken ergeben. Es sei indes nicht zu einer Verdrängung der Obotriten, sondern zu einer Vermischung gekommen, wie die vielen Fundstücke, vor allem Keramiken, bewiesen.

Der Grabungsleiter macht unter Hinweis auf die Funde auf einen weiteren, sensationellen Aspekt aufmerksam: Schon vor 800 Jahren pflegten die alten Schweriner weitreichende Handelsbeziehungen: Handmühlen aus Eifelgestein, Wetzsteine aus Schweden, Eisenrohlinge aus den Mittelgebirgen belegen dies. Und selbst der Binnenhandel muss gut funktioniert haben, wie die zahlreichen Heringsgräten und Störknochen beweisen. Dass diese nicht aus der Neuzeit stammen, sondern seit mehr als 800 Jahren im torfigen Boden liegen, lässt sich unschwer an den Erdschichten ablesen, die darüber abgelagert sind. Sie berichten von Stadtbränden und neuen Siedlungsphasen, von der Veränderung der Lebensweisen und der Einführung neuer Handwerkstechniken und von den Phasen der Stadterweiterung.

"Wir können erstmals im Schweriner Stadtgebiet die Kontinuität der Bebauung über mehr als 800 Jahre nachweisen. War ein Haus abgebrannt oder eingestürzt, wurde genau auf seinen Fundamenten das neue errichtet. Es gab Straßen und Wege zwischen den Gebäuden, der hier fließende Graben, der dem Areal über Jahrhunderte den Namen Faule Grube gab, wurde für Abwässer aller Art benutzt. Selbst Kulturfolger wie den Nashornkäfer, der seine Eier liebend gern in Gerberabfälle legt, haben wir hier gefunden", erläutert Dr. Wietrzichowski. Und er ist gespannt auf weitere Funde. Bis Anfang September dürfen die Archäologen noch buddeln. Dann kommt der große Bagger.

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