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Lokales

21. September 2017 | 09:03 Uhr

Senioren auf der Schleuderpiste

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erstellt am 07.Okt.2010 | 07:14 Uhr

Linthe | Die Augen leuchten, voller Vorfreude sitzt Stefan Kühnlein in seinem Wagen. Vor ihm eine regennasse Asphaltpiste, eine festgefahrene Schneedecke, eine Piste aus griffigem Beton und spiegelglattes Kopfsteinpflaster. Kühnlein entscheidet: "Ich nehme das Kopfsteinpflaster, das gibt es in Berlin am häufigsten." Auf Anweisung des Fahrtrainers gibt er Gas und tritt dann mit voller Kraft auf die Bremse. Beim ersten Mal kommt der Wagen gut zum Stehen. Auf dem Schneepisten-Imitat gerät er ins Schleudern. "Das macht Spaß!", freut sich Kühnlein dennoch. "Hier kann man mal so richtig die Sau rauslassen - und das Ganze unter Anleitung."

Der Berliner gehört zu etwa 400 Frauen und Männern, die beim 4. Seniorentag "Mobilität 60plus" im ADAC-Fahrsicherheitszentrum in Linthe (Potsdam-Mittelmark) ihr fahrerisches Können testen. "Eigentlich sollten das alle tun. Jeder deutsche Autofahrer denkt, er sei der beste", glaubt Kühnlein, der seit fast 50 Jahren seinen Führerschein hat. Auch er habe sich zunächst überschätzt, beim Üben aber Demut gelernt.

Seit 2007 veranstaltet der ADAC Aktionen dieser Art. "Es geht vor allem um das Lenken, Bremsen und die richtige Blickführung auf unterschiedlichen Straßenbelägen", erklärt Geschäftsführer Philipp Dressel. Obwohl ältere Menschen oft längere Reaktionszeiten und mehr Schwierigkeiten hätten, sich im Auto zu drehen, wolle der ADAC ihnen zeigen, dass sie keine Angst im Straßenverkehr haben müssen. Die Idee einiger Politiker, Senioren ab 60 erneut zu Fahrprüfungen zu zwingen, hält er für "blödsinnig".

Dafür, dass Trainings trotz jahrzehntelanger Routine nötig sind, sprechen Zahlen. 2009 gab es allein im Bereich des Polizeipräsidiums Potsdam rund 6100 Unfälle, an denen Senioren beteiligt waren - gut sechs Prozent mehr als im Vorjahr. In diesem Jahr soll sich der Anstieg fortgesetzt haben.

"Senioren sind nicht unbedingt Raser", erklärt Frank Domanski, bei der Polizei für Prävention zuständig. Zu den Ursachen zählten eher ungenügender Abstand, Vorfahrtfehler und unangepasste Geschwindigkeit - auch bei geringeren Tempo-Vorgaben. "Manche Senioren sind in 30-er Zonen auch schon mal mit Tempo 70 unterwegs." Die Motoren seien heutzutage eben kaum noch zu hören und so werde die Geschwindigkeit schnell unterschätzt, so der Fachmann.

Die Polizei sorgt am Rande der Piste mit ihrem Orchester vor allem für musikalische Unterhaltung. "Wir sind froh, dass wir Partner wie den ADAC haben", sagt Domanski. Auch die Polizei versuche, mit eigenen Veranstaltungen aufzuklären. "Aber wir kommen einfach nicht so gut an die Leute heran. Die haben immer Angst, dass wir ihnen gleich den Führerschein entziehen."

Davor muss in Linthe niemand Angst haben. Dennoch: Das, was sich auf den nassen Pisten abspielt, ist laut Trainer Jürgen Wenzel zum Teil "erschreckend". "Viele Autofahrer trauen sich einfach nicht, mit aller Kraft zu bremsen. Sie wollen ihr Auto schonen", so der Trainer, der einigen Fahrern auch schon mal technische Bremshilfen wie ABS und ESP erklären muss. Nach zwei, drei Versuchen klappe das Bremsen. Doch in ernsten Situationen habe man diese Versuche nicht.

Wenige Meter weiter, auf dem Geschicklichkeits-Parcours kommt der 72-jährige Berliner Wolfgang Stein-Seiler leicht ins Schwitzen - trotz seiner jahrzehntelangen Erfahrung. Das kleine Übungsauto ist neu für den Rentner. Er rangiert mehr als nötig. Die Mittsechzigerin Hannelore Manze nimmt auf dem Parcours einige Plastikkegel mit, das Bremsen meistert sie aber inzwischen bestens. Manze hält Fahrprüfungen für Senioren nur bedingt für sinnvoll: "Ab 70 ist das vielleicht gut. Aber mit 60 ist man einfach zu jung dafür."

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