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Vikare müssen im Ludwigsluster Predigerseminar viel lernen : Selbst Pfarrer fallen nicht vom Himmel

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"Da unten spielen wir immer Beerdigung", sagt Hubertus Hotze. Hubertus Hotze hat keinen morbiden Humor. Wenn er Beerdigung spielt, dann nur aus beruflichen Gründen.

Ludwigslust | "Da unten spielen wir immer Beerdigung", sagt Hubertus Hotze. Seine Lesebrille sitzt auf der Nasenspitze. Über den Rand der Brille schaut er hinab auf eine Rasenfläche. Sie ist übersät mit weißen Gänseblümchen. Hubertus Hotze hat keinen morbiden Humor. Er ist auch kein bisschen zynisch. Wenn er Beerdigung spielt, dann nur aus beruflichen Gründen. Hubertus Hotze ist Rektor und Dozent im Ludwigsluster Predigerseminar der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs und der Pommerschen Evangelischen Kirche. Wer nach dem Theologiestudium in Mecklenburg-Vorpommern Pfarrer werden will, der muss bei Hotze ein letztes Mal die Schulbank drücken.

Vom Diakonissen-Mutterhaus zum Bildungshaus

Seit dem Jahr 2001 ist das einzige Predigerseminar in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Gelände des Ludwigsluster Stiftes Bethlehem beheimatet. Wo früher die Diakonissen in ihrem Mutterhaus wohnten, da gehen nun junge Vikare ein und aus. Zwischen sechs und zehn sind es alle zweieinhalb Jahre. Auch in den ehemaligen Zellen der Diakonissen ist seitdem neues Leben eingekehrt. Denn hier sind Gästezimmer entstanden. Über den Türen prangen Bibelverse an der Wand. "Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm", steht über einer Tür. Es ist der siebte Vers aus dem 130. Psalm. Es sind meist die Konfirmationssprüche der Diakonissen. "Wir haben diese Verse bei der Renovierung bewusst erhalten", sagt Hotze. Für die Diakonissen sei es kein leichter Schritt gewesen, aus dem Mutterhaus auszuziehen, sagt er.

Wenn der Mann mit dem weißen Vollbart an seinem Schreibtisch sitzt, dann schaut ihm Martin Luther mit strengem Gesicht über die Schulter. Ein überdimensioniertes Porträt des Kirchenreformators hängt im Büro des Rektors. Es riecht nach alten Büchern. Dicke Lexikonbände mit Goldschnitt stehen in den fast raumhohen Regalen. Seit 2005 leitet Hotze von hier aus das Predigerseminar. Vorher war er erst Pastor im schleswig-holsteinischem Kappeln an der Schlei, dann elf Jahre lang Regionalmentor in der Vikariatsausbildung der Nordelbischen Kirche. Seitdem Hotze das Steuer in Ludwigslust in der Hand hält, kooperieren die Predigerseminare in Ludwigslust und Ratzeburg miteinander. "Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut", sagt Hotze. Kurse laufen parallel, teilweise auch gemeinsam. "Der Austausch der angehenden Pfarrer aus verschiedenen Regionen ist sehr wichtig", sagt der 58-Jährige. Die gemeinsame Ausbildung verbindet. Insofern sei das Haus auch eine Keimzelle der neu entstehenden Nordkirche. Im kommenden Jahr fusionieren die Nordelbische Kirche, die Landeskirche Mecklenburgs und die Pommersche Evangelische Kirche. Das Predigerseminar soll auch in der entstehenden Kirche erhalten bleiben. Beschlossen sei das zwar noch nicht endgültig, so Hotze, es deute aber vieles darauf hin. Schließlich muss der Nachwuchs bei der Stange gehalten werden. "Noch ist es um den Pastoren-Nachwuchs nicht schlecht bestellt", sagt Hotze. Doch in den kommenden Jahren wird sich dies wohl ändern: "Statistiken sagen, dass bis zum Jahr 2015 zehn Prozent der heutigen Stellen unbesetzt bleiben werden", so Hotze.

Das Vikariat dauert zweieinhalb Jahre. Doch längst nicht die ganze Zeit über besucht der Pfarrernachwuchs das Predigerseminar. Die meiste Zeit verbringen die Vikare in ihrer Gemeinde. In der Gemeinde halten die Vikare ihre ersten Predigten, hier lernen sie die praktische Gemeindearbeit. Dann besuchen sie für einige Tage das Predigerseminar, kehren anschließend wieder in ihre Gemeinden zurück. "Es ist ein Zusammenspiel zwischen der Ausbildung in der Gemeinde und im Predigerseminar", sagt Hubertus Hotze. Ständige Reflexion und Rückmeldung seien wichtig. Denn im Seminar lernen die Vikare nicht nur das Predigen, sondern auch, wie sie einen Gottesdienst strukturieren. Sie lernen, das Abendmahl einzusetzen, lernen das "pastorale Handwerk", wie Hotze es nennt.

Auch das Beerdigen steht auf dem Ausbildungsplan

Das Beerdigen steht ebenfalls auf dem Übungsplan. Schließlich ist es für unerfahrene Pfarrer gar nicht so einfach eine Beerdigungszeremonie zu leiten. Auch deshalb übt die Gruppe unter realistischen Bedingungen. Ein Bestattungsunternehmen stellt Sarg und Urne bereit, die anderen Vikare mimen die Trauergesellschaft. Einmal vergaß Hotze, den Sarg nach der Übung wieder aus der Stiftskirche bringen zu lassen. Zum Entsetzen einiger Frauen, die die Kirche am nächsten Morgen betraten. Aber auch sie konnten bald beruhigt werden: Hubertus Hotze hat keinen morbiden Humor. Er ist auch kein bisschen zynisch. Wenn er Särge aufstellen lässt, dann nur aus beruflichen Gründen.

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erstellt am 03.Jun.2011 | 10:28 Uhr

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