Der Schwebende im Güstrower Dom : Seit 60 Jahren zurück

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In langer Tradition lädt die Güstrower Domgemeinde jährlich am 23. August zum Gedenken und als Warnung vor dem Ungeist der Nazis, der den Frevel, die Abnahme Barlachs Schwebenden am 23. August 1937, ermöglichte.

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08. März 2013, 12:05 Uhr

Heute auf den Tag genau vor 60 Jahren kehrte Barlachs Schwebender wieder an seinen ursprünglichen Ort zurück. Dass der Schwebende wieder in Güstrow war, das war wie ein Wunder. Dieser Beitrag resümiert es.

In langer Tradition lädt die Güstrower Domgemeinde jährlich am 23. August in die Nordhalle des Domes zum Gedenken und als Warnung vor dem Ungeist der Nazis, der den Frevel, die Abnahme Barlachs Schwebenden am 23. August 1937, ermöglichte.

Nachdem der Schwebende am Sonntag Exaudi 1927 aufgehängt war, schrieb Barlach seinem Vetter: "Mein Bronzeengel hängt unter dem Domgewölbe und tut so bewegungslos, als täte er es schon 100 Jahre." Es wurden leider nur noch zehn Jahre, die der Engel unter dem Domgewölbe so bewegungslos schweben durfte. Am 23. August 1937 wurde das Ehrenmal auf Grundlage der Beschlussentscheidung des Schweriner Oberkirchenrates (17. August 1937) durch die Firma Pierstorf Güstrow entfernt. Die deutschen Christen hatten 1934 Einzug in den Dom gehalten, die widerständigen Domprediger Propst Koch und Pastor Schwartzkopf waren des Amtes enthoben worden.

Nur Bernhard A. Böhmer konnte Sicherungsguss garantieren

Nach der Abnahme dieses Gesamtkunstwerkes, welches mit dem Herzblut des Meisters geschaffen wurde, verschlechterte sich Barlachs Gesundheitszustand zusehends - es brach ihm das Herz. Ernst Barlach verstarb am 24. August 1938. Am 21. April 1941 bestätigt die Fa. Sommerkamp Schwerin der NSDAP-Kreisleitung Schwerin die Verschrottung des Güstrower "Domengels".

Die emotionale Bindung des Meisters an dieses Werk, die Komposition der schwebenden Figur über dem schmiedeeisernen Füntegitter, die vom Meister bestimmte Veränderung der Farbigkeit der Glasfenster waren auch seinem treuen "Gehilfen", Bernhard A. Böhmer - Barlach nannte ihn gesprächsweise "mein guter wie mein böser Engel" - bekannt. Nur dem Kunsthändler Böhmer mit seinen außergewöhnlichen Beziehungen zu den allerhöchsten Repräsentanten aus Propaganda-Ministerium und der Parteihierarchie des Regimes war es möglich, Nachgüsse auch aus üblicherweise nur der Wehrwirtschaft zugänglichem Material erstellen zu lassen. So konnte Böhmer bereits 1939 einen Sicherungsguss bei der Bildgießerei Noack in Berlin-Friedenau beauftragen. Im Kommissionsbuch ist vermerkt: 10.1.4911 1 Engel Brz. Böhmer 1939

Der Sicherungsguss überlebte, genau wie der Kampfengel (Geistkämpfer) Kiel die schlimme Zeit auf dem Gutshof des Künstlerfreundes Hugo Körtzinger in Schnega bei Dannenberg in der Lüneburger Heide. Nach dem Ende des NS-Regimes wäre es theoretisch möglich gewesen, den in der Lüneburger Heide verwahrten Sicherungsguss dem Dom zu übergeben. Durch die Domgemeinde, bestärkt auch durch die Stadt Güstrow, wurde dem Gremium "Verwaltung des Kunsterbes Ernst Barlach" wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass man wünscht, dass der Güstrower Engel an die Stätte seiner Bestimmung - den Dom zu Güstrow - zurückkehrt. Der Anspruch war formuliert.

Das Problem: Guss musste die Zonengrenze überqueren

Zur Beurteilung der Abwehr des Anspruches und des Umgangs mit diesem Thema muss die gesellschaftliche Situation betrachtet werden. Die Siegermächte West und Ost formulierten ihre Reparationsansprüche gegenüber Deutschland in Jalta (3. bis 11. Februar1945) nicht klar und eindeutig. Darüber traten bald tiefgehende Meinungsverschiedenheiten zutage, die sich im entwickelnden "Kalten Krieg" besonders zu Lasten der Bevölkerung der Sowjetzone bemerkbar machten. Mit der Zweistaatlichkeit BRD und DDR 1949 wurde die Situation schwieriger, denn der Sicherungsguss lagerte in der BRD und der Dom Güstrow war in der DDR. Ohne die Eigentumsfrage zu berücksichtigen, das Kunstwerk musste die Zonengrenze überqueren, um von Schnega nach Güstrow zu gelangen, was von den damaligen Besitzern ungern gesehen wurde. Das Gremium und die Barlach-Gesellschaft waren überzeugt, dass das Kunstwerk im Westen, weit im Westen, eventuell in der Schweiz verbleiben sollte und alles vermieden werden musste, den Zweitguss in die unsichere Sowjetzone zu senden. Die Gründe waren:

• die unsachliche, politisch-ideologische Beurteilung des Barlachschen Werkes in der Frühzeit der DDR

• erhöhtes Risiko durch permanente Buntmetallknappheit in der DDR

Es wurde durch die Verantwortlichen aus dem Gremium, der Barlach Gesellschaft, und dem Anspruch berechtigten (die Domgemeinde) folgender Lösungsweg gefunden: Als Interessent für den Sicherungsguss wird die Synode Köln favorisiert. Die Gemeinde der AntoniterkircheKöln wollte dem Werk in ihrer wiederherzustellenden Kirche einen Platz als Mahnmal geben. Die Synode der evan ge lischen Gemeinden Köln wird mit dem Erwerb des Sicherungsguss die Kosten für einen Drittguss des Schwebenden, die finanziellen Forderungen von Körtzinger an das Gremium für die Sicherstellung der verfehmten Kunstwerke in Schnega und sonstige Ausgaben tragen. Vom Sicherungsguss wird in Schnega eine Abformung hergestellt. Diese wird genutzt, um ein neues Werkmodell zu erstellen und davon wird ein Guss für den Dom Güs trow bei Noack in Berlin-Friedenau hergestellt. Am 15. Mai 1952 wurde der von Böhmer veranlasste Sicherungsguss in der wiederhergestellten Antoniterkirche seiner Bestimmung übergeben.

Symbol für die belastende Schuld und für die Zukunft Deutschlands

Am 4. Juni 1952 nachmittags erreichte der Drittguss des Schwebenden aus Berlin seine Heimstätte, den Dom Güstrow. Aber erst am 8. März 1953 konnte nach zahlreichen Probehängungen der Schwebende im niedrigen westlichen Südschiffgewölbe nach dem Gottesdienst feierlich übernommen und geweiht werden. Das von Barlach ursprünglich genutzte Gewölbe in der Nordhalle kam wegen dessen Nutzung als Ofenstandort für die Winterkirche zu der Zeit nicht in Betracht und konnte erst 1985 als originale Standort genutzt werden. Jetzt wurde in dem Zusammenhang auch das zur Gesamtkomposition gehörende schmiedeeiserne Füntegitter restauriert und der Schwebende in die vom Meister vorgesehene Höhe durch Einfügen zusätzlicher Kettenglieder gebracht. Die "Barlachgemeinde" nahm dankbar zur Kenntnis, dass des Meisters wichtigstes Werk im Dom zu Güstrow nun endlich seinen originären Standort erhalten hatte.

Das Datum 8. März sollte für die Domgemeinde, wie für alle Güstrower, dankbar erinnert werden. An diesem Tage wurde der von der Synode Köln/Rhein der Domgemeinde Güstrow geschenkte Drittguss ein grenzüberschreitendes Symbol für die das ganze Land belastende Schuld und für die Zukunft Deutschlands nicht weniger wichtig. Das durch eine Grenze geteilte Land bekam mit dem Schwebenden ein die Grenze überwindendes und einigendes Mahnmal.

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