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Segen und Fluch: Stadt will strenge Unesco-Vorgaben erfüllen Wunsch nach Welterbe verändert Schwerin

Von Juliane Haendschke | 14.09.2011, 06:27 Uhr

Prestige kontra strenge Auflagen und kaum Fördermittel: Der Weg zum Weltkulturerbe ist steinig. Allein mit dem Wunsch habe in Schwerin bereits „ein zähes Ringen um wirtschaftliche Nutzung und Denkmalschutz“ begonnen.

Die Hansestadt Lübeck hat sie seit 1987, der Kölner Dom seit 1996, die historischen Stadtkerne von Stralsund und Wismar teilen sie sich seit 2002 - die Weltkulturerbe-Plakette der Unesco. Schwerin schielt seit mehreren Jahren nach dem Status. Schon jetzt zwingt der Wunsch, das Schloss-Ensemble mit der Altstadt als Welterbe anerkennen zu lassen, die Stadtplaner in einen Umdenkprozess. So wie in Köln seit 1996 jedes geplante Hochhaus kleiner geredet worden ist, um die Sichtachsen auf den Dom freizuhalten, schleicht sich auch in Schwerin "ein zähes Ringen um wirtschaftliche Nutzung und Denkmalschutz" ein, wie der hiesige Baudezernent Dr. Wolfram Friedersdorff meint. "Wir haben in Schwerin bislang wenige Bausünden begangen, aber bereits verschiedene Blickachsen auf das Schloss zugestellt."

Weitere kleinere Kämpfe finden bereits im Dunstkreis der Bewerbung als Welterbe statt. Das Ringen beginnt beispielsweise vor der Haustür der Anlieger der Alexandrinenstraße, wenn es bei der Straßensanierung um die Frage geht: "Asphalt oder historische Pflastersteine?" Solche gegenwärtigen Kämpfe seien wenig produktiv, so Frie dersdorff. Wenig produktiv für Schwerin, um den Sprung auf die so genannte Tentativlist, die nationale Vorschlagsliste, zu schaffen. Das ist die Vorstufe auf dem Weg zum Welterbe-Status. Deutschland legt - genau wie jedes andere Unesco-Mitgliedsland auch - dem Welterbe-Komitee, dessen Schaltzentrale sich in Paris befindet, seine Liste vor. Dann fällt das internationale Gremium seine Entscheidung. Mehr als 930 Stätten weltweit, davon 36 in Deutschland, haftet die Welterbe-Plakette der Unesco an, darunter das Flaggschiff: die ägyptischen Pyramiden. Mit den Begräbnisstätten der alten Pharaonen könnte Schwerin bald auf einer Stufe stehen. Greift die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns zu hoch? 28 Städte bzw. Stadtkerne zählen zum Welterbe: wie Bamberg seit 1993, Weimar seit 1998 oder die Altstadt von Regensburg seit 2006.

Die Altstädte von Wismar mit einer Fläche von rund 88 Hektar und von Stralsund mit etwa 80 Hektar reihen sich dort mit ein. Um dem Unesco-Prüfsiegel gerecht zu werden, hat sich in beiden Hansestädten ein breit aufgestellter Organisationsapparat gebildet. Dessen Sprachrohr ist die Stralsunderin Steffi Behrendt. "Die fachliche Auseinandersetzung hat zugenommen", sagt sie. Großprojekte wie der Bau des Ozeaneums oder der Rügendamm waren vor dem Hintergrund des Welterbe-Status bislang die größten Herausforderungen in Stralsund. Beim Thema Rügendamm hatte das Welterbe-Komitee "äußerst sensibel" reagiert, wie Behrendt erzählt. Um den Status für die Innenstadt zu erhalten, ist bei jedem Eingriff eine Auseinandersetzung mit Paris notwendig.

Den Umgang mit den strengen Kriterien der Unesco schauen sich die Schweriner Welterbe-Initiatoren schon jetzt bei den Wismarern und Stralsundern ab. Wie in den Hansestädten planen auch sie einen Kernbereich für die Anerkennung des Welterbes, der sich auf das Schloss-Ensemble mit Parks und Teilen der historischen Altstadt erstreckt. Drumherum soll eine Pufferzone gebildet werden - wie in Stralsund, die den Bau der Rügendammbrücke und des Ozeaneums ermöglichte. Sie soll zukünftig notwendig werdende Neubauten ermöglichen, ohne den eventuellen Welterbe-Status für Schwerin gleich in Frage zu stellen. "Moderne Architektur bzw. Neubauten schließt der Welterbe-Status nicht aus", sagt Behrendt. Schwerins Baudezernent nennt das neue Gebäude der Industrie- und Handelskammer in der Graf-Schack-Allee als Beispiel, "wie sich moderne Bauweise mit historischer Umgebung verbinden lässt". Allerdings müsse alles, was in die Stadt hineinwirke, genauer als bislang unter die Lupe genommen werden. Beispiel altes Offizierscasino: Die Fassade des in direkter Blickachse zum Schloss befindlichen, markanten Gebäudes muss erhalten bleiben, jede Sanierungsmaßnahme an dem Bauwerk ist unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten abzuwägen.

"Die Sensibilität beim Thema Denkmalschutz ist enorm gewachsen", sagt Behrendt mit Blick auf Stralsund. Investoren, Touristen, Presse, Fördermittelgeber - sie alle würden nun intensiver hinschauen, was in Stralsund passiere, erklärt die Welterbe-Koordinatorin der Hansestadt. Ein enormer Anstieg der Touristenzahlen sei allerdings ausgeblieben. Wer glaube, als Welterbe mehr Besucher anzuziehen, den wolle sie korrigieren. Der neue Status habe in Stralsund in anderen Kanälen positiv gewirkt. "Anfang der 90er-Jahre hatten mehrere Tausend Bewohner die Altstadt aufgrund ihres schlechten Bauzustandes verlassen", sagt Behrendt. "Mittlerweile stabilisiert sich Stralsunds Einwohnerzahl bei 57 000. Der historische Stadtteil ist nun vom Altersdurchschnitt seiner Bewohner her der jüngste der Hansestadt", berichtet sie.

Auch in Schwerins Innenstadt ziehen immer mehr junge Familien. Das Barometer sind Hortplätze und Wohnraum, die langsam knapp werden, wie die Stadtverwaltung mitteilt. Diesen Schritt schaffte die Landeshauptstadt also schon, ohne dass sie durch den Welterbe-Status geadelt wurde.