Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion

Drückjagd in Friedrichsmoor Wenn das Horn die Weidmänner ruft

Von kmue | 08.12.2016, 08:00 Uhr

96 Jäger gingen bei der Drückjagd in Friedrichsmoor auf die Pirsch und erlegten eine Rekordstrecke. Wildschäden im Kreis belaufen sich auf mehr als 100.000 Euro

Die Wiesen sind von einer weiß-glitzernden Decke überzogen und selbst die Schafe auf der Weide bei Friedrichsmoor funkeln im Licht der aufgehenden Sonne. Bestes Jagdwetter. Nicht zu nass, nicht zu kalt. „Genau so soll es sein“, sagt Christian Lange und begrüßt jeden der 96 Weidmänner, die sich zur Drückjagd der Landesforst angemeldet haben. Deutsche, Dänen, Schweden. Eine ganz besondere Art der Aufregung liegt in der Luft.

Die meisten der Teilnehmer sind gut gelaunt. Zurückliegende Jagderlebnisse werden ausgewertet, kritische Töne gibt es keine. Diese werden eher auf anderen Kanälen gesendet. Nicht selten blasen Tierschützer zum Halali auf die Jäger. Vor allem Drückjagden nehmen sie ins Visier. Denn sie seien für Jäger lediglich reine Lust aufs Abknallen. Nicht selten folgen Anzeigen, wie jüngst in Vorpommern. Die Organisation Peta kündigte an, Anzeige gegen alle Teilnehmer so einer Gesellschaftsjagd wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz zu stellen (SVZ berichtete).

Von blutrünstigem Jagdfieber ist kurz nach 8 Uhr vor dem Jagdschloss Friedrichsmoor nichts zu merken. Eine leichte Anspannung liegt in der Luft. Christian Lange ist sie förmlich ins Gesicht geschrieben. Der Forstamtsleiter ist an diesem Tag offiziell Jagdleiter. Gemeinsam mit Revierleiter Gerd Weiberg koordiniert er die 96 Jäger und 45 Treiber. Auch mehr als 40 Hunde sind dabei. Die eigentliche Arbeit begann schon vor Monaten, die „heiße Planungsphase“ vor vier Wochen: Welcher Hochsitz ist noch brauchbar? Wie viele Weidmänner kommen? Wer geht in welche der 15 Schützengruppen? Wo beziehen die Jäger Position? Welche Routen gehen die Treibergruppen? Alles wurde bis ins kleinste Detail geplant – und wird den Teilnehmern nun erläutert. Auch noch einmal die Dinge, die den Jägern bereits bekannt sind – unter anderem, was gejagt werden darf.

„Rotwild: männlich AK 2, AK 1 und Kälber. Weiblich: Kälber, Schmaltiere und Tier, wenn zuvor kein Kalb gestreckt wurde“, sagt Christian Lange im Stakkato-Stil. Die Jäger lauschen andächtig, einige nicken. Auch beim Schwarz-, Reh- und Raubwild gibt es genaue Anweisungen – was und was nicht gestreckt werden darf. So hat unter anderem der Rehbock Schonzeit. Für alles gelte der Grundsatz: „Schwach vor stark und jung vor alt“, schärft Lange den Teilnehmern ein.

Wenngleich es für die Jäger nicht neu ist, hören alle andächtig zu – diszipliniert haben sie Aufstellung genommen. Ihr Atem zeichnet sich als weißer Nebel in der Luft ab. Als die Belehrung vorbei und zur Jagd geblasen ist, schwärmen sie aus. Es ist kurz nach 9 Uhr. Gut eine halbe Stunde dauert es, bis der letzte Jäger auf seinem Ansitz ist. Bis dann der erste Schuss fällt, vergehen hingegen nur wenige Minuten.

In den folgenden Stunden sind es mehrere hundert Schüsse, die die Stille im Wald und auf der Wiese unterbrechen. Die Rufe der Treiber, das Gebell der Hunde sowie das laute Knacken des Wildes, wenn es durchs Unterholz zieht, sorgen ebenso für Krach. Aber nicht permanent – es kehrt zwischendurch auch immer wieder Ruhe ein.

Für die Treiber, die an diesem Tag mehr als acht Kilometer zu Fuß durch das unwegsame Gelände zurücklegen, ist es eine schweißtreibende Angelegenheit, für die Jäger auf dem Ansitz ein zuweilen eisiges Vergnügen. Erst wenn das Tier erlegt ist und geborgen und aufgebrochen werden muss, kommt bei den Weidmännern Muskelkraft zum Einsatz. Dann wird auch ihnen schnell warm. „Das gute Stück wiegt mindestens 65 Kilogramm. Jetzt müssen wir es bis zum Weg rausziehen“, sagt Reinhard Hube und bahnt sich den Weg durch das mannshohe Gestrüpp. Zunächst muss noch ein kleines Röhrchen mit Blut gefüllt werden, für die Untersuchung auf Schweinepest. Dann wird das Stück Wild noch mit einer Marke versehen. In eine Liste trägt Hube alle Eckdaten zum Tier ein. „So lässt sich nachvollziehen, wo das Tier herkommt und auch, ob es gesund ist“, erklärt der Jäger, schlägt den Haken ins Fleisch und legt sich den Schultergurt über. Nur mit Hilfe lässt sich die Überläuferbache in zwei Anläufen bis zum Waldweg ziehen. Dort kommt sie auf den Anhänger, ebenso wie der Frischling, den Hube erlegt hat.

Der Banzkower ist Stammgast bei der Drückjagd in Friedrichsmoor. Seit 1964 geht er zur Jagd. Dass gegen ihn und seine Jagdkollegen in den vergangenen Jahren immer schärfer mit Worten und zuweilen auch Anzeigen geschossen wird, stimmt ihn traurig: „Die Menschen kommen immer weniger mit dem wahren Leben in Berührung. Sie kaufen ihre Lebensmittel im Supermarkt und haben ein verklärtes Bild von der Jagd wie auch von der Landwirtschaft.“ Dass ihm die Jagd auch Spaß mache, verschweigt der Banzkower nicht. „Aber wir sind doch keine Unmenschen, nur weil wir uns um die Hege und Pflege kümmern. Es muss alles ein Maß haben, mit Sinn und Verstand geschehen“, erklärt er.

Zwar ist der Jäger über die Tagesbilanz von 146 Wildschweinen, 14 Stücken Rotwild, 45 Rehen, sechs Füchsen und einem Waschbär, die gestreckt wurden, selbst erstaunt. „Aber es ist im Verhältnis zu dem, was hier auf 2700 Hektar lebt, nur ein Bruchteil“, betont der Weidmann. Auch Forstamtsleiter Christian Lange ist die Kritik mancher Tierschützer, die unter anderem das Ende der Jagd fordern, durchaus bekannt. „Ohne Jagd geht es nicht. Wir haben beispielsweise bei Schweinen einen Zuwachs von mehr als 300 Prozent im Jahr. Dem wird man nur mit Drückjagden Herr“, sagt Lange. Einige Jäger haben an diesem Tag eine Rotte mit 40 Tieren gesehen. „Gerade in Jahren nach einer Buchen- sowie Eichelmast haben wir einen extrem großen Bestand, der keinen kleinen Schaden anrichtet – da kommen schnell mehrere tausend Euro zusammen“, erklärt der Jäger. Die Wildschadensausgleichskasse kommt in einigen Fällen dafür auf.

„Im Landkreis Ludwigslust-Parchim beläuft sich der durch Wild entstandene Schaden im Jagdjahr 2015/16 auf 105 000 Euro“, so Geschäftsführerin Yvonne Grevesmühl. Das sei nur der offizielle Teil, der auch von den Landwirten gemeldet wurde. Allein mehr als 70 Prozent der Schäden, so Grevesmühl, gingen auf das Konto des Schwarzwildes und beschränke sich größtenteils auf die Maisanbauflächen.

Bei solchen Jagden geht es zudem darum, kranke und schwache Tiere aus den Beständen zu nehmen. Und für mache ist es auch eine Erlösung. So hat Jäger Mathis Jansen einen sechsjährigen Hirsch abgefangen, der sich mehr als acht Wochen quälen musste. Das Tier wurde bei einem Autounfall am 29. September in der Region stark an den Hinterläufen verletzt – die Schalen – die unteren Enden – fehlten. Sichtlich geschwächt vegetierte der Hirsch vor sich hin. „Solche Stücke werden verworfen – nicht vom Wildhändler verarbeitet“, betont Lange.

Auch für Reinhard Hube ist die Jagd nach neun Stunden zu Ende. „Ein langer Tag, aber auch eine Wahnsinnsstrecke“, sagt er geschafft – und denkt schon an den nächsten Tag. Dann gibt es die Drückjagd in Bahlenhüschen und er ist wieder dabei.