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Zeitverzug bei NEL Sülstorf bringt russisches Gas ins Land

Von Werner Mett | 23.11.2012, 06:50 Uhr

Auf dem Acker zwischen Sülstorf und Boldela ist ein Knotenpunkt für wichtige, überregionale Erdgasleitungen im Osten Deutschlands zu finden. Die Leitung der Verbundnetz Gas AG kam bereits vor Jahren hier in die Erde.

Auf dem Acker zwischen Sülstorf und Boldela ist ein Knotenpunkt für wichtige, überregionale Erdgasleitungen im Osten Deutschlands zu finden. Die Leitung der Verbundnetz Gas AG kam bereits vor Jahren hier in die Erde. Doch auch die neue Nordeuropäische Erdgasleitung (NEL) von Greifswald bis Rehden ist hier zu finden. Sichtbar wird das durch den "Netzkopplungspunkt Sülstorf".

Mit Hilfe dieser Anlage kann Erdgas aus der NEL seit Anfang November in das Verbundnetz eingespeist werden. Zuvor werden Qualität und Mengen des Erdgases gemessen. Es läuft durch Spezialfilter. Auch der Druck muss gemindert werden. Denn in der NEL beträgt der bis zu 100 Bar. In der Leitung der Verbundnetz Gas AG dagegen nur bis zu 84 Bar. "Das muss ausgeglichen werden", betont Stephan Ehwald von der Firma Gascade, die für den Transport des russischen Erdgases in der NEL zuständig ist. Der Fachmann erläuterte gestern auch technisch interessierten Einwohnern aus der Region, wie das Ganze abläuft. Das war gleichzeitig die Inbetriebnahme der Nordeuropäische Erdgasleitung.

Wie wichtig der Netzkopplungspunkt Sülstorf beim Eine-Milliarde-Projekt NEL ist, macht Gascade-Pressesprecherin Nicola Regensburger deutlich: "Nur dank der Station können wir einen Teilabschnitt der NEL bereits nutzen." Eigentlich sollte die 440 Kilometer lange Leitung quer durch Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen bereits jetzt durchgängig fertig sein (SVZ berichtete mehrfach). Doch dieser Zeitplan ist Makulatur. 40 Kilometer der Trasse müssen noch gebaut, ja sogar neu geplant werden. Denn nach Bürgerprotesten in Winsen an der Luhe muss dort eine neue Trasse südlich der Kleinstadt gefunden werden. Der Lückenschluss in der Region Hamburg kann voraussichtlich erst im nächsten Herbst erfolgen - und damit mit einem Jahr Verspätung. Auch erst danach kann das russische Erdgas, das durch die Ostsee-Pipeline bis Greifswald gepumpt wird, auch zum großen Speicher in Rehden gelangen. Auf diesem Weg sollen in Zukunft 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr nach Westdeutschland transportiert werden. Diese Menge entspricht einem Fünftel des jährlichen Gesamtverbrauches in Deutschland.

Ursprünglich war vorgesehen, dass die NEL zeitgleich fertig wird mit dem zweiten Strang der Ostsee-Pipeline von Russland bis Vorpommern. Der Bau unter Wasser ist vollendet, die Weiterleitung an Land nicht, bedauert Regensburger. Zum Glück gibt es bereits die Opal-Leitung, die von Greifswald parallel zu Oder und Neiße nach Süden führt und so einen Anschluss ans gesamtdeutsche Gasnetz darstellt.

In kleinen Dimensionen erfüllt auch der Netzkopplungspunkt Sülstorf diese Funktion - und das schon heute. 20 Prozent der einmal möglichen Gasmenge kann bereits jetzt durch die NEL geleitet und bei Sülstorf umgepumpt werden. "So sind wir in der Lage, auf Kundenwünsche zu reagieren und diese mit Erdgas aus Sibirien zu versorgen", erläutert Stephan Ehwald. Sülstorf ist bislang auch die einzige Station ihrer Art an der NEL-Trasse. Weitere Netzkopplungspunkte, sprich Verknüpfungsstellen mit Erdgasnetzen anderer Firmen, sind zwar vorgesehen, aber noch nicht gebaut.

Ganz fertig ist die Sülstorfer Anlage aber noch nicht. "Für den Schallschutz werden noch Dämmwände eingebaut", berichtet Ehwald. Denn direkt neben dem eingezäunten Areal ist das Rauschen des Erdgases in den Spezialleitungen deutlich zu hören. "Diese Geräusche kommen bei uns in den Dörfern aber nicht an", berichtet Siegfried Belling aus Boldela. Der Rentner ist von Berufs wegen Maschinenbauer und technisch sehr interessiert. Dank seiner täglichen Fahrradtour konnte Belling den Bau des Netzkopplungs punktes bestens verfolgen. Auch gestern war er dabei, um nun einmal aus der Nähe einen Blick auf die Mess-Aggregate und Spezial-Apparaturen zu werfen. Auch Bürgermeister Horst Busse zeigte sich begeistert und bestens über das gesamte Vorhaben informiert. Besonders interessierte ihn, wie das Erdgas über hunderte Kilometer durch die Leitungen fließen kann, ohne den Druck darin stetig zu erhöhen. Schon die Ostsee-Pipeline wurde so gebaut, dass mit hohen Druck in Wyborg das Gas eingespeist wird und es bis Greifswald ohne eine Druckerhöhung fließt.

Um den sicheren Transport des Erdgases an Land zu garantieren, wurden entlang der NEL im Abstand von etwa 15 Kilometern Schieberstationen errichtet, erläutert Ehwald. Diese sind unter der Erdoberfläche verschwunden und nach Fertigstellung nur noch von Fachleuten zu erkennen. Der Netzkopplungspunkt ist hingegen weithin sichtbar. Im Betrieb laufen all diese Stationen vollautomatisch, sie werden per Compter von Kassel aus überwacht.