Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion

Landwirtschaft Milch: fehlender Absatz, fallende Preise

Von Katja Müller | 10.05.2020, 10:47 Uhr

Fehlender Absatz in den vergangenen Wochen hat den Milchmarkt ins Wanken gebracht und lässt nun die Preise fallen.

Ruhig stehen die Kühe im Melkstand. Emsig befördern die Pumpen die Milch in den großen Tank. Alltag im Kuhstall der Landwirtschaftlichen Produktion und Absatz Genossenschaft Wessin. Wenige Meter entfernt im Büro wird kalkuliert. Der Milchpreis steht wieder zur Debatte. Statt steigendem Grundpreis ist Sinkflug angekündigt. Aktuell passen Angebot und Nachfrage auf dem Markt nicht zusammen. Die Korona-Krise und geschlossene Gaststätten haben in den vergangenen Wochen ihren Beitrag dazu geleistet. Vorstandsmitglied Dirk Schünemann überlegt, wo sich einsparen lässt. Viel fällt ihm da nicht ein. Aktuell tendiert der Grundpreis für einen Liter Rohmilch um die 30 Cent. Mit ein paar zusätzlichen Programmen ließen sich bislang sogar bis zu 35 Cent erzielen. Doch nun sind Kürzungen angekündigt. Branchenübergreifend. Die Wessiner Genossenschaft liefert ihre Milch an die Arla-Molkerei. Dirk Schünemann hofft, dass es dort mit dem Preis nicht noch weiter nach unten geht. Vergebens? "Bislang wurde es mit Arla nicht wirklich schlimm. Der Konzern ist kein Rennboot. Da geht es weder steil bergab noch steil bergauf, wie bei anderen Molkereien. Arla ist eher der Hochseedampfer", sagt der Wessiner Landwirt. Dass einige Berufskollegen für eine Wiedereinführung einer Milchquote plädieren, kann er nicht nachvollziehen. Die Milchbauern bräuchten einen freien Markt. Auch die Einlagerungen von Milchpulver, die staatlich finanziert wäre, hält er für kontraproduktiv. "Das hatten wir alles schon und es hat nichts gebracht", so der Landwirt. Eine Lösung des Problems hat er nicht. "Wir müssen von unserem Milchgeld leben können. Momentan ist das nur schwer bis gar nicht möglich. Denn wir haben alle noch Löcher von der vergangenen Krise zu stopfen, wo mit jedem Liter Milch auch Geld vom Hof gefahren wurde, statt es zu verdienen", sagt Dirk Schünemann. Auch er habe schon einmal aus Protest Milch in den Abfluss geschüttet. "Das würde ich nie wieder tun. Es hat auch nichts gebracht", ist er überzeugt. Der Wessiner setzt vielmehr auf drei, für ihn ganz wichtige Punkte: "Es braucht gute Leute, auf die man sich verlassen kann und die den Unternehmensgeist in sich tragen. Wir brauchen auch einen fairen Umgang vom Handel mit den Produzenten. Und ganz wichtig ist das vertrauensvolle Verhältnis zur Hausbank." Wenn dann der Verbraucher noch umdenkt und mehr auf Regionalität setzt und ebenso auch handle, wäre das Problem vom Tisch, meint Dirk Schünemann. Doch bislang entscheide oftmals der Preis darüber, was am Ende im Einkaufswagen landet. "Bei uns geht es um wenige Cents, die schon viel bewirken können", betont er.

Allerdings bedeuten 3 Cent mehr im Laden auch nicht automatisch 3 Cent mehr für den Landwirt. So gehen laut Institut für Ernährungswirtschaft bei einem Liter Milch im Tetrapack für 69 Cent beispielsweise nur 30 an den Landwirt. 8,5 Cent sind Produktionskosten für die Molkerei, 2,5 Cent für die Lagerung und Logistik, 1,5 Cent für den Transport zur Molkerei, 4,5 Cent sind Mehrwertsteuer, 8,5 Cent für die Kartonverpackung, 1,6 Cent für die Entsorgungskosten wie Grüner Punkt, 0,3 Cent für Verwaltung und Molkereimarge und 11,4 Cent für Kosten und Marge des Lebensmitteleinzelhandels. Stefan Riemer, Prokurist der Agrarproduktgesellschaft Lübesse, kennt die Aufsplittung. Und noch besser seine eigenen Produktionskosten. "Wir brauchen 36 oder 37 Cent, um am Ende auf eine schwarze Null zu kommen. Leider sind wir davon weit entfernt." Lübesse liefert die Milch zur Rücker-Molkerei. Die hat den Preis für April noch nicht rausgeschickt. Noch wissen Stefan Riemer und seine Kollegen nicht, was sie für die Milch, die sie im vergangenen Monat abgeliefert haben, bekommen. Im Februar lag der Grundpreis bei 31,5 Cent für einen Liter Milch. Im März gab es bereits einen Cent weniger. Weniger Geld von der Molkerei bedeutet auch in Lübesse mehr einsparen, Liquidität schonen und letztendlich nicht zukunftsorientiert arbeiten. "Noch wissen wir nicht, wie das Futter in diesem Jahr wird. Klar ist aber, dass wir hier auf den schwachen Standorten, wo der Boden sehr sandig ist, nur von Veredlung leben können", sagt Stefan Riemer. So bleibt ihm und seinen Berufskollegen nur das Hoffen auf bessere Preise.

Aus Sicht des Bundes Deutscher Milchbauern (BDM) braucht es umgehend eine zeitlich befristete, für alle verbindliche und entschädigungslose Reduzierung der Milchüberschüsse auf EU-Ebene. Dafür müssten die rechtlichen Grundlagen allerdings jetzt geschaffen werden. Milchviehhalter des BDM werden am Montag in Schwerin vor dem Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt im Paulshöher Weg mit einer Bildaktion gegen die Einlagerung von Milchpulver und Butter protestieren. „EU-weit Milchüberschüsse reduzieren statt einlagern“ lautet die Forderung der Milchviehhalter, die sie mit einer über zwei Meter hohen Pyramide aus mehr als 300 Milchpulversäcken verdeutlichen werden. Die Aktion ist von 11 bis 12 Uhr geplant. "Auf Druck der milchverarbeitenden Industrie hin hat die EU-Kommission seit dem 1. Mai die private Lagerhaltung eröffnet. Sie bezuschusst mit rund 80 Millionen Euro die Einlagerung von Magermilchpulver, Butter und Käse. Was den Markt stabilisieren soll, verlagert die Probleme der Milchviehhalter jedoch weiter auch in die Zeit einer einsetzenden Markterholung“, sagt BDM-Vorstandssprecher Hans Foldenauer.