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Simon Urban lässt in seinem Roman "Plan D" die DDR weiterexistieren Krenz kungelt mit Kanzler Lafontaine

Von Roland Mischke | 05.10.2011, 08:10 Uhr

„Ihr plattes Gesicht musste das Ergebnis einer Kooperation zwischen Steinmetz und Sattler sein. Gemeißelte Sehschlitze und Mundspalte, dürrer Nasenhöcker, hartes Kinnviereck, alles mit gegerbtem Ziegenleder überzogen und im Ton der Wandvertäfelung gefärbt.uf dem Kopf ein Strauß blondiertes Haar, das bis zu den Schultern herabrankte."

Wie sieht eine disziplinierte Stasi-Frau aus? Der aus Hagen, also aus dem Westen stammende Simon Urban, 36, weiß es. Frau Major beschreibt er so: "Ihr plattes Gesicht musste das Ergebnis einer Kooperation zwischen Steinmetz und Sattler sein. Gemeißelte Sehschlitze und Mundspalte, dürrer Nasenhöcker, hartes Kinnviereck, alles mit gegerbtem Ziegenleder überzogen und im Ton der Wandvertäfelung gefärbt. Auf dem Kopf ein Strauß blondiertes Haar, das bis zu den Schultern herabrankte." Ein Klischee, gewiss, aber es passt zu diesem temporeichen, verblüffungsprallen und aberwitzigen Debütroman. Manchmal kommt das Klischee der Wahrheit nahe, da darf man auch schon mal tief in die Adjektiv-Kiste greifen. Schließlich geht es hier um die DDR, mehr noch: um die Abrechnung mit allen "DDRen dieser Welt". Die wollen immer den "Dienst an der großen Sache, die ständig als groß gepriesen werden muss, damit ihre Kümmerlichkeit niemandem auffällt". Das kommt einem doch bekannt vor.

Man stelle sich vor: Als 1989 die Mauer aufging, machten anderthalb Millionen rüber, der Staat ließ sie ziehen. Dann wurde die Mauer aber wieder zugemacht, Geschichtsbücher dokumentierten das als "Wiederbelebung" der Deutschen Demokratischen Republik. Den Ministerrat leitet Gregor Gysi, Egon Krenz erhebt wieder als Staatsratsvorsitzender seine Stimme. Otto Schily hat ein Ministeramt nicht ausschlagen können, als Kulturminister dient der umtriebige West-Schriftsteller Dietmar Dath. Margot Honecker ist aus dem chilenischen Exil zurückgekehrt, wurde aber ins Feierabendheim Alpha verfrachtet, und Sarah Wagenknecht hat sich eines Besseren besonnen und ist nun ein Filmstar.

Mehr noch: Die Bundesrepublik wird von Kanzler Oskar Lafontaine regiert, der buckelt bei Egon Krenz, denn der Westen braucht Öl und Gas aus Russland, das über die Pipelines in der DDR kommt. Feinschmecker Lafontaine frisst mit Gourmand Krenz um die Wette Thüringer Rostbratwürste um der guten Stimmung willen. Sehr störend wirkt da die Titelstory des "Spiegel", die von dessen Chefredakteur Claus Kleber (zuvor ZDF) ins Blatt gehoben wurde: "Die Stasi mordet wieder. Wie ein unbelehrbarer Geheimdienst Europas Energiezukunft verspielt." Fotos zeigen einen Erhängten in Berlin-Köpenick, er baumelt im Oktober 2011 an einer Gaspipeline. Die Frankfurter Buchmesse ging gerade zu Ende.

Simon Urban hat eine überbordende Fantasie, er ist ein geborener Erzähler, und das ohne Scheuklappen. Er hat sich die fiktive Geschichte der DDR ausgedacht, hat genau recherchiert, um seinen Figuren in authentische DDR-Biografien einzukleiden und kennt das untergegangene Land besser als mancher, der dort sein halbes Leben oder mehr verbracht hat.

Sein Held Martin Wegener, Ende 50, Hauptkommissar bei der Volkspolizei, steht ebenso im Kampf gegen den "Restkapitalismus" wie seine frühere Geliebte Karolina, die als "Gas-Nutte" gerade im Energieministerium aufsteigt. Ganz offen trifft man sich mit Leuten des BND, die in Mercedes-Limousinen zum Meeting anrauschen, und ist locker gegenüber Sonderermittlern aus dem Westen. Denn der Erhängte war ein Professor aus Heidelberg, der sich als Berater von Krenz einen Namen machte und der den "Plan D" erfunden hat, mit dem beide deutsche Staaten beziehungsweise Staatssozialismus und Marktwirtschaft in Kooperation gebracht werden sollen. Denn die Globalisierung macht vor streng bewachten Grenzübergängen nicht Halt, in der DDR explodieren Bomben, Öko-Terroristen bedrohen das kleine Land. Mehr als 500 Seiten geht das so, und es gibt dabei viel zu schmunzeln. Trabbis als Sondermüll, Handys der Marke Minsk, jede Kuh in der Planwirtschaft eine "Raufutter verzehrende Großvieheinheit", Currywürste satt, aber auch wüste Orgien und Michael Ballack als Trainer des DDR-Teams. Simon Urban bringt Komödie und Agententhriller zusammen, einzelne Figuren sind genial konstruiert. Doch hinter allem Klamauk hockt der Ernst: Die Stasi lebt, sie hat alles unter Kontrolle, selbst als Gysi putschen will...

Simon Urban: "Plan D." Schöffling & Co., Frankfurt/M., 2011, 552 S., 24,95 Euro

Simon Urban liest Donnerstag Abend um 19.30 Uhr im Schleswig-Holstein-Haus Schwerin, Veranstalter: Kulturbüro Schwerin