Ein Angebot des medienhaus nord
Ein Artikel der Redaktion

Schwerin Kitas suchen männliche Erzieher

Von Angela Hoffmann | 05.10.2011, 07:28 Uhr

John und Lukas zeigen keinerlei Berührungsängste.

Gerade erst haben die beiden Gymnasiasten aus Hagenow die Krippen-Gruppe in der Schweriner Kita "Future Kids" betreten, schon sind sie mittendrin im Geschehen. Lukas hilft dem zweijährigen Noah beim Puzzlen und John blättert gemeinsam mit Chayene ein Bilderbuch durch. Das Mädchen zeigt auf einen Mann in einer Lok und schaut John fragend an. "Das ist der Zugführer", erklärt der 15-Jährige. Chayene lächelt ihn an. Die anderen Kinder versammeln sich langsam zum Morgenkreis. "Good morning", sagt Erzieherin Martina Mißfeldt auf Englisch, denn Zweisprachigkeit gehört zum besonderen Förder-Konzept der hochmodernen Kita in einem Stadtteil mit sozialen Problemen. Chayene möchte aber lieber noch ein bisschen bei John und dem Bilderbuch bleiben. Das darf sie auch - denn heute hat die Einrichtung ihre Türen geöffnet, um Jungs den Erzieherberuf näherzubringen.

Gemeinsam mit Lukas und John haben sich noch acht weitere männliche Schüler zwischen zehn und 16 Jahren dafür entschieden, den ersten "JungsTag" in MV bei den "Future Kids" in Schwerin zu verbringen. Landesweit haben sich nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) rund 650 Schüler bei 111 Betrieben zur Berufsorientierung für Jungs angemeldet. "Das ist viel, wenn man bedenkt, dass wir beim ersten Girls’ Day vor zehn Jahren 200 Anmeldungen hatten", sagt Lisanne Straka vom DGB.

Ziel des Jungstags: Die Schüler sollen neben den typisch männlichen Berufen wie Kfz-Mechaniker auch Jobs im Sozial- und Gesundheitswesen kennenlernen. Ganz unter sich und ohne Imponierzwang. "Wir möchten den Jungen die Gelegenheit geben, Berufe mit Zukunftschancen zu testen, die sie sonst nicht so im Blickpunkt haben", sagt der Chef der Arbeitsagentur Schwerin, Dirk Heyden. Erzieher, Pfleger, Sozialarbeiter, Ergotherapeut - die Palette ist breit. Obwohl es landesweit 340 anerkannte Ausbildungsberufe gibt, wählt die Hälfte der Jungen ihre Lehrstelle nur aus 20 Berufen aus, wie eine Erhebung der Landesgleichstellungsbeauftragten ergab.

Das soll der Jungstag ändern. Bundesweit gilt er als einer von mehreren Bausteinen, um männliche Schüler stärker zu fördern, da sie in der Schule laut Statistiken häufiger Probleme haben als Mädchen und überproportional bei den Abbrechern vertreten sind. Auf der anderen Seite wächst das Jobangebot bei Sozial- und Gesundheitsberufen vor allem in Mecklenburg-Vorpommern.

Das weiß auch Jannik Tiede aus Wismar. Der 15-Jährige kann sich gut vorstellen, Erzieher zu werden. "Wenn man sieht, wie sich die Kinder freuen, ist das eine schöne Bestätigung", sagt er. Lukas und John sind dagegen noch unentschlossen. "Die machen das gut", meint Erzieherin Kunigunde Zube, als sie beobachtet, wie die beiden Schüler zwei Kinder zum Spielen im Freien anziehen. Hauptberufswunsch des 14-jährigen Lukas ist aber eigentlich Polizist. John interessiert sich vor allem für Technik und Management. Trotzdem haben die beiden den Jungstag genutzt, um zu schauen, wie ihnen ein Berufsalltag mit Kindern gefallen würde. Ihr Fazit: Einen sozialen Beruf möchten sie zumindest nicht mehr ausschließen.

"Für die Kinder ist es gut, wenn sie sowohl weibliche als auch männliche Erzieher haben", weiß Kita-Leiterin Heike Ihde. Im Hort der Einrichtung arbeiten bereits zwei männliche Kollegen. Michael Böhlke ist einer von ihnen. Warum er Erzieher geworden ist, möchte ein Schüler wissen. "Der Umgang mit Kindern macht mir Spaß", sagt der 24-Jährige. "Und ich habe die Möglichkeit, etwas für die Zukunft zu schaffen - gerade in diesem Stadtteil." Kinderchor, Yoga, Entspannungstechniken, Medien-Erziehung, Kreativwerkstatt: Auch Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern sollen optimal gefördert werden. "Damit werden wir Erfolg haben", ist sich Michael Böhlke sicher.

Die Schüler zeigen sich beeindruckt. Unter dem Motto "Mehr Männer in die Kita" sollen in den kommenden Jahren mehr männliche Erzieher ausgebildet werden. Der erste Jungstag im Land hat seinen Teil dazu beigetragen.