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Zeitzeugen erinnern sich Katastrophenwinter bleibt unvergessen

Von thvo | 16.02.2014, 21:30 Uhr

Der Norden der DDR befand sich vor 35 Jahren im Ausnahmezustand , denn Regionen waren im Februar 1979 über Tage von der Außenwelt abgeschnitten.

Genau 35 Jahre ist es her, dass der Norden der DDR im Schnee versank. Der Verkehr brach völlig zusammen. An manchen Stellen türmten sich die Schneewehen bis zu sechs Meter hoch auf. Dörfer waren über Tage von der Außenwelt abgeschlossen. Menschen erlebten einen Aunahmezustand, wie er vielleicht alle hundert Jahre einmal vorkommt.

Die Ereignisse vom Schneewinter blieben vielen Menschen in Erinnerung – auch die gegenseitige Hilfsbereitschaft und der Mut. Wolfried Pätzold war damals als Fotoreporter für unsere Zeitung selbst vor Ort und berichtete über die völlig eingeschneite Region Parchim.

Nach Jahrzehnten hat er die Protagonisten von damals wiedergetroffen und mit ihnen über ihre Erinnerungen an damals gesprochen. Von den Zeitzeugen leben heute noch der frühere Bürgermeister Siegfried Voshage (inzwischen 76) und Dietmar Schmied (64). Fritz Ebert ist bereits verstorben. Wettermann Werner Schulz (67 ) aus Marnitz ist inzwischen im Ruhestand und lebt in Schwerin.

Ein weißer Teppich liegt Mitte Februar 1979 über Feldern, Straßen und Dörfern. Nach sechs Wochen Dauerfrost haben sich die Bewohner in den Dörfern Karbow und Vietlübbe an diesen Ausnahmewinter längst gewöhnt. Für Gretel Rickhoff in der Konsumgastätte, Bürgermeister Siegfried Voshage in seiner Amtsstube, Brigadier Fritz Ebert auf dem Futtertransporter und Dietmar Schmied in der LPG-Werkstatt ist der erste Kälteeinbruch zum Jahreswechsel 1978/79 schon fast Geschichte, als am Abend des 10. Februar erneut arktische Luft und stürmische Winde für den damaligen Bezirk Schwerin angekündigt werden. In der Gegend um Lübz peitscht ein eiskalter Wind durch die Dörfer.

„Wenn ich daran denke, schießt mir auch nach drei Jahrzehnten noch immer der Schrecken in die Glieder. Wir mussten in der LPG-Werkstatt improvisieren. Der Strom fiel ständig aus“, kommen bei Dietmar Schmied die Erinnerungen wieder auf, als er zusammen mit seinem Schwiegervater Fritz Ebert und dem früheren Bürgermeister Siegfried Voshage im Fotoalbum blättert. „Es gab kaum noch ein Durchkommen. Bei minus 20 Grad Celsius war der Diesel in meinem Traktor eingefroren. Glücklicherweise hatten wir Silos in Stallnähe und konnten so Futter für die Tiere ranschaffen“, erzählt Fritz Ebert, der als Brigadier in der LPG gearbeitet hat.

Nach drei Tagen geht auch hier fast gar nichts mehr. In den Nachrichten spricht man davon, dass sich zwischen Parchim und Marnitz bis zu sechs Meter hohe Schneewehen auftürmen. An so etwas können sich selbst die ältesten Bewohner im Dorf nicht erinnern.
In Schwerin kreisen am 16. Februar mehrere Hubschrauber über dem Platz am Jägerweg. Staffelleiter Oberstleutnant Alfred Oldenburg hat den Auftrag, mit seiner Crew Brot, Kindernahrung, Zucker, Mehl und Haferflocken in die Katastrophengebiete zu bringen und auf der Rücktour auch Schwangere und Dialysepatienten mitzunehmen. Die Möglichkeit, mitzufliegen, ist auch für den Reporter die einzige Möglichkeit, aus von der Außenwelt abgeschnittenen Dörfern zu berichten.

„Am Vortag hatte ich telefonisch um Hilfe beim Kreis gesucht, weil wir zwei hochschwangere Frauen vom Dorf in eine Klinik bringen wollten. Ich habe sofort die Feuerwehrleute zusammengetrommelt und aus der Schule zwei mehrere Meter lange DDR-Fahnen geholt, mit denen wir ein Landekreuz markieren konnten. Als der Hubschrauber am Horizont auftauchte, fiel uns ein großer Stein vom Herzen“, sagt Siegfried Voshage, der als junger Bürgermeister die Fäden in den „turbulentesten Tagen“ seiner mehr als 20-jährigen Amtszeit in der Hand hielt. „Jeder hat mit angepackt, auch die abgelegenen Gehöfte wurden nicht vergessen und auf die Soldaten aus Goldberg, die bei uns im Einsatz waren, bin ich noch heute stolz“, so der inzwischen 71-Jährige.

Bürgermeister Voshage, Brigadier Ebert und Schlosser Schmied sind wie fast alle Dorfbewohner zum provisorischen Landeplatz geeilt. Mit so vielen Helfern hat eigentlich keiner gerechnet. Auf dem provisorischen Landeplatz geht es zu wie im Taubenschlag. Das Ausladen der Lebensmittel ist in wenigen Minuten erledigt. Mit einem Jeep werden zwei schwangere Frauen zum Hubschrauber gefahren. Kurz danach hob die Mi-8 wieder ab. Der Helikopter wird auf dem Lübzer Sportplatz bereits erwartet. Ein Krankenwagen fährt die Frauen zur Entbindung sofort in die Klinik. Die Hubschrauberbesatzung hat inzwischen Order, sofort zum Einsatzplatz nach Schwerin zurückzufliegen. Aus der Vogelperspektive bietet sich ein beklemmendes Bild: Auf den Straßen von Brüel nach Schwerin und auf der Bahnstrecke nach Wismar geht noch immer fast gar nichts.

Auf viele Dinge mussten die Bewohner in den eingeschneiten Dörfern weiter verzichten. „Sieben Tage lang gab es keine Post. Die Zeitungsreportage über den Hilfsflug nach Vietlübbe wurde morgens im Rundfunk verlesen. Glücklicherweise funktionierte mein Telefon im Bürgermeisterbüro noch“, erinnert sich Siegfried Voshage. „Nachbarschaftshilfe war selbstverständlich. Obwohl jeder Vorräte angelegt hatte und es nach dem Hubschraubereinsatz auch wieder Brot zu kaufen gab, waren vor allem ältere Leute dankbar“, weiß Fritz Ebert. Vieles hat der inzwischen 81-Jährige seinerzeit mit dem Fotoapparat festgehalten. „Nicht auszudenken, wenn sich so etwas noch einmal wiederholt“, meint der Schwiegersohn beim Stöbern im Album. Die drei sind sich einig: „Der Jahrhundertwinter ist noch längst nicht Schnee von gestern“.