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Armin Mueller-Stahl begann in Schwerin seine Deutschlandtournee "Gaukler über 60 Jahr" - und Sänger?

Von Holger Kankel | 06.09.2011, 10:10 Uhr

Das Konzert beginnt unaufgeregt. Armin Mueller-Stahl kommt gemeinsam mit seinen drei Musikern auf die nur schwach beleuchtete Bühne. Schwarze Anzüge, schwarze Hüte. Das Höchstmaß an Theatralik an diesem Abend.

Ein Konzert mit Armin Mueller-Stahl ist mehr als ein Konzert mit Armin Mueller-Stahl. Das hat diesen seltsamen Abend gerettet. Irgendwie. Denn gemeinsam mit dem 80-jährigen Schauspieler, der in drei Ländern zum Star wurde, in den beiden Deutschland und dann auch in den USA, stand da am Montagabend eine Legende auf der Bühne des Schweriner Capitol. Und einer Legende kann selbst die Legende selbst nur schwer etwas anhaben.

Das Konzert beginnt unaufgeregt. Armin Mueller-Stahl kommt gemeinsam mit seinen drei Musikern auf die nur schwach beleuchtete Bühne. Schwarze Anzüge, schwarze Hüte. Das Höchstmaß an Theatralik an diesem Abend. Die Musiker und der Star mit der Geige stimmen scheinbar ihre Instrumente. Dann das erste Lied. Kein Gruß an das Publikum. Sind wir denn hier bei Bob Dylan?

"Nun wart ich jede Stunde" ist ein Abschiedslied, die Gedanken eines Liebenden, der seiner Geliebten jenseits der Mauer hinterhertrauert. Das Lied hat Armin Mueller-Stahl wie die anderen auf dem Album "Es gibt Tage…" vor 45 Jahren geschrieben. In der DDR. Es sind leise Lieder, mit gewollt naiven Texten, voller Sprachbilder, die eines sagen und anderes meinen. Fabeldichter standen Pate, und so bevölkern Flöhe und Spinnen, Spatzen und blaue Kühe diese Lieder. Nahezu impressionistisch kommen manche Texte daher, wenn eine Kuh aufhört zu träumen und Blitze den Bass zupfen. Hüte wollen neue Köpfe, weil ihnen die alten zu dumm geworden sind. Marie hat eine große Schnüffelnase, ihr Mann riesige Ohren, das Kind einen zu großen Mund.

Ein Lied über die Stasi, erläutert Mueller-Stahl überflüssigerweise und beginnt nun doch, hin und wieder ein wenig zu plaudern und zu rezitieren. Eine gute Idee des großen Schauspielers mit der markanten, rauchigen Stimme, der leider kein großer Sänger ist. Genau genommen gar kein Sänger. Zumindest bleibt er an diesem Abend und mit diesen Liedern, die er in einer Art Sprechgesang vorträgt, den Beweis dafür schuldig.

Während die mit Metaphern verschlüsselten, meist hintergründig-komischen Texte vom Leben in der Ehemaligen erzählen, sind Armin Mueller-Stahl in seinen Liebesliedern und Gedichten über die Kindheit anrührende kleine Werke gelungen, die über die Entstehungszeit hinaus gültig sind - "Ist kein Salz mehr in der Träne, ist die Liebe ohne Glut". Mit dem "Brief an den toten Geliebten", entstanden als Echo auf den Vietnamkrieg, könnte heute genau so eine Frau irgendwo in der Welt um ihren Mann trauern.

Eine Ahnung, wie dieses Programm auch hätte inszeniert werden können, scheint auf, als der Star des Abends sein autobiographisches Gedicht "Bin schon Gaukler über 60 Jahr", nein, nicht singt, sondern gekonnt rezitiert.

Als Armin Mueller-Stahl, der auf eben dieser Bühne im Jahr 2001 mit dem Ehrenpreis des Schweriner Filmkunstfestes ausgezeichnet wurde, in einem Gedicht von Heimat erzählt und sie mit einem "Stück Gras aus der Kinderzeit" vergleicht, beginnt Tobias Morgenstern auf dem Akkordeon leise eine Improvisation über das alte Kinderlied "Ach du lieber Augustin".

Womit nunmehr endlich die Künstler ins Spiel kommen, die den eigentlichen musikalischen Part dieses Abends bestreiten. Armin Mueller-Stahl verdient die Besten, und er hat die Besten bekommen. Neben Tom Götze an Kontrabass und Tuba stehen also Tobias Morgenstern und Günther Fischer auf der Bühne. Mehr muss eigentlich nicht gesagt werden. Morgenstern, neben zahlreichen Soloprojekten auch bekannt aus Gruppen wie Bayon oder L’art de Passage, geht mit seinem Akkordeon gut und gern als ganzes Orchester durch, er gibt den Liedern Tiefe und Wärme, während Günther Fischer am Klavier und mit seinem Markenzeichen, dem Saxophon, der musikalische Boss auf der Bühne ist. Er ist mit Mueller-Stahl und diesen Liedern, die er nun neu arrangiert und vorsichtig modernisiert hat, schon vor 40 Jahren durch DDR-Klubs gezogen. Und als hoch geachteter Filmkomponist ("Schöner Gigolo, armer Gigolo") passt er natürlich so recht zu dem Schauspielstar. Dass dann ausgerechnet Fischers Hit "Soly Sunny" zum Höhepunkt des Abends wird, spricht für sich.

Das Publikum jedenfalls dankte nach zwei Zugaben für ein nostalgisch-literarisches Jazzkonzert mit freundlichem, nach und nach sogar stehendem Applaus.

Armin Mueller-Stahl, der zur Freude seiner Fans auch ein wenig Geige spielte, wollte an diesem Abend, wie er verkündete, das Pianissimo über das Fortissimo triumphieren lassen. Leise vor laut. Das ist ihm gelungen. Den Schauspieler, Maler und Autor haben wir nun auch als Sänger erlebt. Man kann nicht alles können.

Die nächsten Konzerte

9. September Chemnitz (Stadthalle) 10. September Leipzig (Oper) 17. September Jena (Volkshaus) 18. September Görlitz (Theater) 19. September Zwickau (Neue Welt) 24. September Neubrandenburg (Konzertkirche) 26. September Rostock (Stadthalle) 28. September Dresden (Staatstheater)