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Schwerin Ein Zimmer voller Geigen

Von TIWO | 16.01.2019, 05:00 Uhr

Altes Handwerk in Schwerin – heute: Katja Zimmering stellt seit Jahrzehnten klassische Streich-Instrumente her

Das Handwerk zählt wohl zu den ältesten Berufsständen. Es vereint Tradition und technischen Fortschritt. Was früher ausschließlich von Hand gefertigt wurde, wird jetzt zunehmend maschinell hergestellt. Vieles aus der alten Handwerkskunst droht vergessen zu werden, denn wer kennt heute noch Riemer, Täschner oder gar Fischhautgerber? Deshalb sollen einige alte und vom Aussterben bedrohte Handwerksberufe nun eine Renaissance erleben. Erfahren Sie in den nächsten Tagen mehr über Schwerins neue Meister und ihr altes Handwerk.

In der ersten Etage des Altbaus in der Von-Thünen-Straße 1 verbirgt sich eine Werkstatt: Bandsäge und Schleifmaschine stehen dort neben einer Werkbank. Darüber hängen Werkzeuge wie Feilen, Sägen und Stemmeisen. Es riecht nach frischem Holz und Lack. Hier lebt und arbeitet Katja Zimmering.

Sie sitzt am Tisch vor dem Fenster. Vor ihr liegt eine Geige. Das Holz hat viele kleine Risse. „Die müssen mit Leim und Farbe ausgebessert werden“, sagt die Geigenbaumeisterin. Ihrem geschulten Auge entgeht nichts. „Dazu müsste ich eigentlich den Klangkörper auseinandernehmen“, erklärt sie. Doch diesen Aufwand sei das Instrument leider nicht wert. Auch der Lack sei beschädigt. Mit Farbe und Pigmenten retuschiert sie die Stellen, indem sie Färbung und Struktur des Holzes nachahmt. „Diese filigranen Arbeiten mache ich am liebsten“, sagt die 58-Jährige, während sie mit einem Pinsel die feinen Linien der Maserung malt. Das Instrument stamme von einem Musiker aus Ludwigslust. Die Restauration von Streichinstrumenten und Bögen ansässiger Musikschulen und Privatpersonen mache den größten Teil ihrer Arbeit aus. Diese umfasst auch klangliche Arbeiten, wie die Reparatur der so genannten „Stimme“. Dabei werde ein kleines Rundhölzchen durch die F-Löcher neben den Saiten geführt und im Resonanzkörper aufgestellt. „Der Stimmstock bestimmt den Klang des Instrumentes“, sagt die Expertin. Und natürlich das Holz. Sehr langsam müsse der Bergahorn gewachsen sein. Denn Holz mit sehr nahe beieinander liegenden Jahresringen bringe den guten Klang.

Im Zentrum eines der Regale, die bis an die Decke reichen, hängen vier Geigen. Katja Zimmering hat sie selbst gebaut. Darunter ihre erste – gefertigt in Bremen, während eines einjährigen Volontariats. Denn irgendwann war für die damals junge Frau klar, „etwas mit Musik und Holz sollte es sein“. Die heute 58-jährige Geigenbaumeisterin kann Streichinstrumente stimmen, sie klanglich einrichten und Tonleitern spielen. Aber ihre eigentliche Leidenschaft gehört einem anderen Saiteninstrument. So fiel ihre erste Wahl damals auf das Klavier. Doch da sie alle Teile bis zum fertigen Instrument selber bauen wollte, musste sie umsatteln und entdeckte den Beruf des Geigenbauers für sich.

Mit dem Fahrrad fuhr die damals junge Frau durch Deutschland auf der Suche nach einer Lehrstelle – erfolglos. Durch Zufall erfuhr sie von einer renommierten internationalen Schule in Cremona, Italien. „Mit Sack und Pack machte ich mich auf, ohne zu wissen, ob sie mich dort als Lehrling nehmen würden“, erinnert sich die 58-Jährige. Heute zieren italienische Diplome ihre Werkstattwand. Nach fünf Jahren Italien führte ihr Weg sie zurück nach Norddeutschland, wo sie ihren Meisterbrief erhielt. Schwerin ist ihre Wahlheimat, in der sie seit 1996 ihre eigene Werkstatt hat.

„Geduld ist das Wichtigste beim Bau eines Streichinstruments“, sagt Zimmering. Etwa 200 Stunden dauere es, bis eine Geige fertig ist. Am liebsten würde sie ihr Handwerk noch viele Jahre weiterführen. „Ich schnitze aus meinem Sarg noch eine Geige“, sagt sie und lacht.

Tina Wollenschläger