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Alle Tiere im Griff Die Hobby-Schäferin von Pinnow

Von HEIP | 22.02.2014, 08:00 Uhr

Astrid Liesberg versorgt zuerst wollige Vierbeiner, dann steht sie als Chefin ihres Schuhgeschäft in Schwerin hinterm Ladentisch

„Kooommt, kooommt“, ruft Astrid Liesberg laut und streckt eine Hand mit trockenem Brot aus. Die Schafe, denen der Ruf gilt, machen sich gemächlich auf den Weg zu ihr. Sie ahnen: Es gibt was Gutes. Entweder ein zusätzliches Leckerli wie Brot oder Möhren oder aber liebevolle Worte.

Die Schafherde mit den 160 Muttertieren bei Pinnow hat Astrid Liesberg gut im Griff. Sie weiden in einem eingezäunten Gatter auf einem abgeernteten Feld am Dorfrand und finden Grünes – Gras oder sogar Klee. An frostigen Tagen füttert Astrid Liesberg zu. Mit Heu zum Beispiel. Ein Ballen am Tag, das ist die Regel.

Alle vier bis fünf Tage setzt sie den Zaun um. „Das schaff’ ich auch allein“, sagt die 61-Jährige selbstbewusst. Schließlich macht sie das nicht zum ersten Mal. Seit sechs, sieben Jahren betreut die Pinnowerin die Herde, die ihr gar nicht gehört und für die sie auch nicht bezahlt wird. Besitzer ist ein Schäfer aus Othenstorf bei Gadebusch. Dort betreibt er einen Bio-Milchziegenhof, außerdem hält er dort weitere Schafe.

Kennen gelernt haben sich die Beiden unter weniger günstigen Umständen. Astrid Liesberg erinnert sich: „Die Schafherde weidet schon seit Jahren in der Pinnower Region, sie hat unter anderem die Trockenhänge im Naturschutzgebiet kurz gehalten. Damals gab es noch Fördermittel dafür. Im Winter, bei Frost und Schnee fanden sie manchmal kaum Futter. Zugefüttert aber wurde damals nicht regelmäßig. “ Allein die Anfahrt dauerte für den Halter schon eine knappe Stunde. Aber dass die Tiere darunter leiden sollen, das konnte und wollte sie nicht einsehen. Und das habe sie ihm auch ungeschminkt so gesagt. Schließlich weiß sie, wovon sie spricht. „Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden. Auf der Insel Rügen. Meine Eltern und Großeltern hatten Tiere.“ Damals habe sich wohl ihre Liebe zu den Vierbeinern entwickelt. „Ich mag Tiere, alle. Auch Pferde und Kühe. Aber Schafe sind mir besonders ans Herz gewachsen.“

Fakt ist: Seit dem Gespräch damals kümmert sie sich um die Herde bei Pinnow. „Der Schafhalter hat mich gefragt, ob ich ihn unterstützen kann.“ Sie sagte ja. Und so betreut sie weitestgehend allein die wolligen Vierbeiner. Der Halter ist nach Absprachen zur Stelle, bringt Futter und ist beim Scheren der Schafe dabei. Dann hilft auch Helfried Dreyer aus Pinnow. „Einige Arbeiten gibt es doch, die eine Frau allein nicht bewältigen kann“, erklärt die 61-Jährige. Dazu gehört das Scheren der Schafe und das Setzen von Zaunpfählen. Schwierig sei auch immer die Lammzeit. Dann fahre sie vormittags und nachmittags raus, um nach dem Rechten zu sehen. „Die Krähen können in dieser Zeit für Unheil sorgen.“ Das möchte die Tierfreundin vermeiden. „Deshalb bin ich lieber mal ein Stündchen länger draußen bei meiner Herde.“

In solchen Zeiten muss dann ihr Mann Hans-Heinrich ihren Laden in Schwerin führen. Denn: Astrid Liesberg hat in dem einstigen bekannten Kunstgewerbegeschäft in der Schmiedestraße ein Schuhgeschäft – modern eingerichtet. Immer wenn die Pinnowerin in Sachen Schafe unterwegs ist, „hütet“ er ihr Geschäft „Schuhe & Mode“.

Wie passt das – Schäferin und Inhaberin eines Geschäftes? „Das fragen mich so einige“, sagt Astrid Liesberg. „Aber ich habe damit gar kein Problem. Ich kann mich nur wiederholen: Ich habe die Tiere gern. Aber ich mag auch Modisches. Das ist für mich kein Widerspruch.“ Die Landwirtschaft sei heute längst nicht mehr mit früher zu vergleichen. Und dann die Natur! Draußen in der Landschaft zu sein, das ist mit das Schönste, was es überhaupt gibt, meint sie.

Ihre Sorge um die Schafe endet nicht zu einer bestimmten Uhrzeit. Für die Schafe ist Astrid Liesberg immer da. Auch abends, wenn es sein muss. Erst neulich war das der Fall. „In der Nacht sind die Schafe ausgebüxt, sind über den mobilen Zaun gesprungen. Ich vermute, ein Hund hat sie aufgeschreckt, so dass sie Panik bekommen haben. Einer aus dem Dorf hat angerufen und mich darauf aufmerksam gemacht.“ Das war gegen 20 Uhr. Sie warf schnell die dicke Winterjacke über, zog die wärmenden Stiefel an, streifte die Handschuhe über und steckte noch eine Taschenlampe und trockenes Brot ein, ehe sie mit dem Auto zum Weideplatz fuhr. Weit und breit war von den Schafen nichts zu sehen. Sie ließ das Auto stehen, und stiefelte in der Dunkelheit los. Immer wieder blieb sie nach ein paar Metern stehen, lauschte in die Abendstille. Kein vertrautes Mäh war zu hören. Dann rief die Hobby-Schäferin Lissy. Lauter und länger und immer wieder. Und siehe da, irgendwann antwortete das Schäflein. Die Pinnowerin hat es mit der Hand aufgezogen, weil das Muttertier das Neugeborene nicht angenommen hatte. „Das kommt leider immer mal vor.“ Zwischen Lissy und der Schäferin hat sich ein ganz besonderes vertrauliches Verhältnis entwickelt. „Wenn ich sie rufe, dann weicht sie mir nicht von Seite. Sie folgt mir wie in Hund.“ Auch diesmal kann sie sich auf Lissy verlassen. Die Schäferin findet ihre Tiere am Waldrand. Diese folgen ihr – zurück zum angestammten Platz.

Die Pinnowerin weiß, dass der Schäfer die Tiere nicht zum Selbstzweck hält. Er muss damit Geld verdienen. Im Herbst werden die Bocklämmer, also die männlichen Jungtiere, von den Muttertieren getrennt und kommen nach Othenstorf bei Gadebusch zur anderen Schafherde. Im Jahr darauf werden sie dann verkauft – zumeist an einen Schlachter. Daran mag Astrid Liesberg gar nicht denken. In Pinnow bleibt die reine Mutterherde, die sich kontinuierlich mit dem weiblichen Nachwuchs verjüngt.