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Bilder vom Kiez Charaktere hinter St. Paulis Fassaden

Von DIET | 10.02.2014, 22:00 Uhr

Im Schloss Wiligrad zeigen Antonia Zennaro und Frederic Plambeck mit beeindruckenden Fotos mehrere Bewohner vom Hamburger Kiez

Ute hatte eine schwere Kindheit. Schuld daran war ihr Körper. Sie wurde als Zwitter geboren. Später verdiente sie ihr Geld mit ihrer Eigentümlichkeit. Cora kam mit einer Tanzgruppe von den Philippinen nach Deutschland. Sie blieb im „Safari“ hängen. Dort musste sie hart für ihr Geld arbeiten. Sie alle leben „auf St. Pauli“. Sie alle sind Teil des Hamburger Kiezes und Motive der aktuellen Ausstellung im Schloss Wiligrad. Dort zeigen die Fotografen Antonia Zennaro und Frederic Plambeck in Bildern die Lebensgeschichten von Kiezbewohnern.

Die freischaffende Künstlerin Antonia Zennaro ist in Reinbek geboren, studierte und lebte in Paris, Barcelona und Rom. Sie wohnt zwar in Hamburg, ist aber immer auf Achse, gegenwärtig in Kolumbien.

Im Foyer-Umgang des Schlosses sind Fotos von Frederic Plambeck zu sehen. Er zeigt das Hamburg der Jahre 1998 bis 2002. Es sind auf Dia-Film festgehaltene Momente von St. Pauli, zu einer Zeit in der es im Vergleich zu heute kaum Kameras auf den Straßen gab.

Alle Fotos erzählen Geschichten und Lebensgeschichten, wie sie wohl selten in dieser Dichte aufeinander prallen. Da geht es um Max, der als junger Mann nach Hamburg kam. Oder Udo: Er ist auf dem Kiez aufgewachsen und wohnt in der Wohnung seines Vaters. Birgit hat schon in vielen Kneipen gearbeitet. Ihre Stammkundschaft ist ihr immer treu geblieben, zog mit. Peter arbeitet seit 1976 als Koberer, Türsteher und Anwerber auf der Reeperbahn. Er ist einer der letzten seiner Art. Heute steht vor den Türen meist nur noch Security-Personal. Dann ist da Paul, der mit 14 Jahren von zu Hause ausriss. Er war Bergarbeiter, Seefahrer und auch schon Goldschürfer. Auf der Reeperbahn eröffnete er die Kneipe „Zum gemütlichen Keller“. Er trinkt gern, deshalb musste er die Kneipe schließen. Da gibt es das „Café Keese“, das 1948 als Tanzlokal gegründet wurde. „Zum Silbersack“ kommt man in der Silberstraße, das war einst eine Bretterbude. Erwin Ross bemalte viele Bars im Kiez mit Aktmotiven – und auch das Schlagzeug der Beatles.

Doch was spielt sich eigentlich hinter den Mauern, um den Tresen, ja am Eingang ab. Es sind zumeist Schicksale. Da geht es um die verschiedenen Hotels mit ihren Verquickungen, so das Hotel Hongkong oder die Große Freiheit, als Weg ins Rotlichtviertel. Das Chinesenviertel auf St. Pauli wurde am 13. Mai 1944, während der „Chinesenaktion“ von der Gestapo durchstöbert, wobei Hunderte ins „Arbeitserziehungslager“ in Hamburg-Wilhelmsburg verschleppt wurden. Das Hotel Hongkong aus St. Pauli war schon immer ein wenig schmuddelig. Die Ausstellung im Schloss Wiligrad zeigt das Flair des Hamburger Viertels, wie es hinter Fassaden aussieht. Die staubige Patina wird heute von Investoren abgetragen und die alte Seele des Viertels stirbt.

Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 23. Februar jeden Dienstag bis Sonnabend von 10 bis 17 Uhr, sonntags von 11 bis 17 Uhr.