Lübstorf : Verliebt in den Therapeuten

Der Lübstorfer Chefarzt und Therapeut Dr. Fischer auf seiner Behandlungscouch. Auch er hat schon verliebte Patientinnen erlebt.
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Der Lübstorfer Chefarzt und Therapeut Dr. Fischer auf seiner Behandlungscouch. Auch er hat schon verliebte Patientinnen erlebt.

Das 13. Sommersymposium an der Klinik Lübstorf mit 140 Gästen hatte die Beziehung in der Psychotherapie zum Thema.

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28. Juni 2019, 05:00 Uhr

„Verliebtsein von Patienten oder die Idealisierung des Therapeuten gibt es relativ häufig in der Psychotherapie. Das ist normal, wir arbeiten damit“, sagt Dr. Thomas Fischer, Chefarzt der Median-Klinik in Lübstorf. Er organisierte bereits zum 13. Mal ein Sommersymposium an seiner Einrichtung. In diesem Jahr ist das Thema die Beziehung in der Psychotherapie. 140 Gäste u.a. aus Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Hamburg und Sachsen folgten der Einladung zu Vorträgen und verschiedenen Workshops. „Die meisten psychischen Erkrankungen finden Ausdruck in Beziehungsstörungen. Viele Erkrankungen sind durch frühe Beziehungserfahrungen verursacht und führen zu immer wiederkehrenden Verhaltensmustern der Betroffenen. Dann geht es in der Therapie darum, dass gerade in Beziehungen Veränderungen stattfinden müssen“, so Fischer, der auch selbst als Therapeut arbeitet. In dem Symposium ging es darum, wie die Psychotherapeuten professionell mit der Übertragung von Beziehungsmustern umgehen. „Wenn ich eine Patientin habe, die gelernt hat, dass sie nur Zuwendung durch ihren Vater bekommt, indem sie sich erotisierend verhält, dann flirtet sie oder macht Komplimente. Wir können darauf positiv eingehen, das gehört durchaus zur Therapie, solche Muster zum Thema zu machen. Wir müssen aber trotzdem professionelle Distanz wahren und eine Grenze ziehen.“

Allerdings würden ein bis fünf Prozent der Psychotherapeuten ihre Position missbrauchen und auf Beziehungswünsche ihrer Patienten eingehen. „Beziehungsfalllen in der therapeutischen Arbeit - Die Balance zwischen Nähe und Distanz“ hieß dann auch einer der Workshops. „Professionelles Verhalten heißt z. B., das Verhaltensmuster zusammen mit dem Patienten zu besprechen und zu reflektieren“, erklärt der Chefarzt. Der konkrete Umgang hänge dann von der Therapieschule ab. Verhaltenstherapie orientiere eher nach vorn, Tiefenpsychologie wolle, dass der Patient auch seine Biografie versteht. „Aber nur einer rationale Verarbeitung führt nicht zu einem Therapieerfolg. Dazu gehört auch die emotionale Seite.“ Eine erfolgreiche Therapie hänge von Patient und Therapeut ab. „Es gibt aktuelle Studien, die besagen, dass kühle, distanzierte, vielleicht auch abgelenkte Therapeuten weniger erfolgreich sind als mitfühlende und respektvolle. „Erfahrung spielt auch eine Rolle“, erläutert Thomas Fischer. „Und ganz wichtig: der Therapeut muss von seiner Methode überzeugt sein und das dem Patienten vermitteln.“

Gesammelte Erfahrung wurde auch in den Workshops weitergegeben. Einen davon leitete Prof. Dr. Carsten Spitzer, der seit Mai den Lehrstuhl für Psychosomatik in Rostock inne hat. Zuvor leitete er eine Klinik in Göttingen. Er zeigte in Lübstorf Fallbeispiele per Video und diskutierte mit den Teilnehmern das Verhalten der Patienten und die Reaktion der Therapeuten. „Ein Narzisst muss seine Umgebung abwerten, um sich wohl zu fühlen. Wir dürfen auf solche Beziehungsfallen in der Therapie nicht eingehen“, erklärte er den Anwesenden. Für das große Interesse vor allem von niedergelassenen Ärzten an dem diesjährigen Thema hatte er keine Erklärung. „In der Ausbildung spielt die therapeutische Beziehung eine genügend große Rolle“, sagte er. „Ich bin hier, weil ich mich über den aktuellen Stand der Wissenschaft zu diesem Thema informieren möchte“, sagte Annett Scheffler, Psychotherapeutin aus Schwaan. Isabel Sieg aus Rostock stimmte ihr zu.

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