Schon im Leben dem Tod sehr nah

V.l.n.r.: Koordinatorin Christa Pilarski und die ehrenamtlichen Hospizler Gerhard Sendrowski,  Annelene Pieschel und Bärbel Fliege. Doris Ritzka (2)
V.l.n.r.: Koordinatorin Christa Pilarski und die ehrenamtlichen Hospizler Gerhard Sendrowski, Annelene Pieschel und Bärbel Fliege. Doris Ritzka (2)

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13. August 2010, 09:27 Uhr

Perleberg | "Nichts ist gewisser, als dass wir irgendwann sterben, wenn wir geboren wurden." Bärbel Fliege weiß wovon sie spricht, und aus ihrem Mund ist es alles andere als eine Floskel. Die Perle bergerin wie auch Gerhard Sendrowski und Annelene Pieschel engagieren sich ehrenamtlich im Hospiz der Caritas. Der Tod nimmt schon im Leben bei ihnen einen gewissen Platz ein. Sie begleiten Menschen auf dem letzten Stück Lebensweg.

Für Gerhard Sendrowski waren es erst die Schwiegereltern, die er pflegte und betreute. Heute begleitet er Fremde, "zumindest sind es keine Familienangehörige, aber fremd sind sie einem zumeist nicht mehr", fügt er ein. Denn oftmals sind es Monate oder auch Jahre, wo die Hospizler regelmäßig vorbei schauen. "Für Außenstehende ist es einfacher, einem Menschen, dessen Leben zeitlich sehr überschaubar geworden ist, zur Seite zu stehen", so Annelene Pieschel. Man hat einen gewissen Abstand und doch

ist man gefühlsmäßig dem Gegenüber sehr nahe.

Ein Grund auch, dass einmal im Monat Supervision für alle Ehrenamtler angeboten wird. "Hier verarbeiten wir zumeist mit Hilfe eines Psychologen unsere Erfahrungen und unsere Gefühlswelt. Das muss sein, wir sind Menschen und der Tod, der manchmal auch mit großem Leid daher kommt, lässt keinen kalt. Sonst wären wir hier auch einfach fehl am Platze", betont Bärbel Fliege. Jahrelang bildete sie Krankenschwestern und Altenpfleger aus. Sterbebegleitung - anfangs war es einfach ein Tabu-Thema. Heute hat sie zwar ihren Platz in der Ausbildung, doch immer noch einen recht kleinen.

Die andere Sicht auf das Leben und auch aus der Verantwortung heraus, dass jeder ein Recht auf einen würdevollen letzten Abschnitt seines Erdendaseins hat, bewog sie, wie auch Gerhard Sendrowski und Annelene Pieschel, die Ausbildung zum Hospizler zu absolvieren.

"Wir verschenken unsere Zeit an einen Menschen, der einen anderen einfach an seiner Seite wissen möchte oder braucht", versucht Bärbel Fliege ihre Arbeit zu umschreiben. Sie begleitete unter anderem eine junge Frau, Mutter von drei Kindern. Jene wollte eigentlich erst leben, da erfuhr sie bereits, wie endlich dieses Dasein ist. Und nichts war geregelt, es gab nicht einmal ein Familienfoto. Anwaltschaftlich dazu berechtigt, leitete Bärbel Fliege in die Wege, was die Mutter und Ehefrau nicht mehr vermochte, was ihr aber wichtig war. Und auch die Kinder konnten so ihrer Mutter noch sagen und zeigen, was ihnen wichtig ist.

"Wir begleiten einen Menschen, der schon bald in einen anderen Lebensabschnitt wechselt. Wohin, das weiß niemand oder nur jeder für sich selbst", so Gerhard Sendrowski. Zugleich begleitet man damit vielfach die Familie, wenn sie es wünschen auch in ihrer Trauer.

Doch sie engagieren sich nur so viel, wie der Sterbende es zulässt. Nicht immer ist jener auch bereit, nicht immer kann er und will er offen über den Tod sprechen. Vielmehr erhofft er sich noch ein Stück vom Leben. "Ich bekomme Besuch, ich lebe", ist Ausdruck dessen, weiß Christa Pilarski, Koordinatorin im Ambulanten Caritas-Hospiz.

Seit zehn Jahren besteht diese Perle berger Einrichtung, die ausschließlich auf ehrenamtlicher Arbeit beruht. Nicht immer ein leichtes Unterfangen, denn

80 Prozent der Hospizler sind berufs-

tätig. Trotzdem drücken sie noch einmal die Schulbank, machen die Ausbildung und widmen ihre Freizeit anderen Menschen. Ihr Lohn - ein zaghaftes Lächeln, leuchtende Augen, ein zärtliches Streicheln - ein Zeichen, dass der Gegenüber mit sich und der Welt im Reinen ist, vielleicht ein sehnlicher Wunsch noch erfüllt wurde.

Doch oftmals reicht die Zeit dafür nicht mehr, einfach "weil man sich zu spät an uns wendet", so Christa Pilarski. Vielleicht, weil Hospiz zumeist mit Sterbebegleitung gleichgesetzt wird. "Wir selbst sehen uns aber als Lebensbegleiter, denn der Tod gehört einfach zum Leben."

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