Schöner als das Vorbild

Die Doppelwendeltreppe von Schloss Chambord soll auf Ideen von Leonardo da Vinci zurückgehen: Wer sie nutzt, kann in den anderen Gang sehen, aber niemandem begegnen.
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Die Doppelwendeltreppe von Schloss Chambord soll auf Ideen von Leonardo da Vinci zurückgehen: Wer sie nutzt, kann in den anderen Gang sehen, aber niemandem begegnen.

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26. September 2009, 02:35 Uhr

Schwerin/Chambord | Den jährlich durchschnittlich 650 000 Besuchern bietet Schloss Chambord eine beeindruckende Architektur: 426 Räume, 77 Treppen, 282 Kamine eine außergewöhnliche Treppe, Dachterrassen mit fantastischer Aussicht auf den Wald - alles lädt zum Entdecken der Geschichte und zum Spazierengehen ein. Mehr als 2000 Kunstgegenstände wie Gemälde, Tapeten und Möbelstücke beleben das ausgedehnteste der Loire-Schlösser.

Es ist unverkennbar, dass sich Hofbaumeister Georg Adolph Demmler höchst selbst hier hatte inspirieren lassen. Es war zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als auch seine ersten Entwürfe für den Umbau des Schweriner Schlosses abgelehnt wurden und er fleißig bei den Franzosen lernte. Was schon 300 Jahre zuvor den mächtigen französischen Königen gefiel, lehnte auch der mecklenburgische Herzog nicht ab. Demmlers "Kopie" jedoch wurde schöner, verträumter und verspielter als das Original.

Doch die Ähnlichkeit im Bau ist nicht die einzige: König François I. war gerade 25 Jahrer alt, als er 1519 mit dem Bau in Chambord begann. Auch Großherzog Friedrich Franz II. war bei seinem Regierungsantritt 1842 gerade einmal 21 Jahre alt. Im selben Jahr beschloss er den Umbau des Schweriner Schlosses als neuen Regierungssitz für sich.

Mittelalter-Burg mit italienischer Renaissance Dass sich der Schweriner Großherzog für Demmlers von Chambord inspirierte Ideen begeistern konnte, ist verständlich. Denn beeindruckend ist das Loire-Schloss allemal. Es ist eine erstaunliche Synthese der überlieferten Formen der vorherigen Jahrhunderte und der innovativen Architektur der italienischen Renaissance - mit Loggias, einer Terrasse, Wandpfeilern und horizontalen Zierleisten zur Fassadengestaltung. Konzipiert ist es dagegen wie eine mittelalterliche Burganlage mit einem zentralen Wohnturm, mit vier Ecktürmen, zwei Flügeln und einer Umfassungsmauer. Und mittendrin diese wundersame, doppelläufige Wendeltreppe im Hauptturm, auf der zwei Personen gleichzeitig hoch und runtergehen können, sich sehen, aber doch nie begegnen. Wie so viele faszinierende Ideen, schreibt man auch diese Leonardo da Vinci zu. Bewiesen ist dies jedoch nicht.

1200 Kilometer entfernt in Schwerin ließ Großherzog Friedrich Franz II. jedoch kein Duplikat Chambords errichten. "Gerade das Schloss in Schwerin ist ein Gegenbeweis zur Behauptung, der Historismus sei lediglich eine Wiederholung dessen, was es als Form schon einmal gegeben hat. Denn es gibt auf der ganzen Welt nichts Vergleichbares für diese großartige Schöpfung, bei der sehr wohl Anregungen etwa von den Loire-Schlössern aufgegriffen, jedoch zu einem unverwechselbaren, eigenständigen Kunstwerk verarbeitet wurden. Das liegt schon daran, dass beim Planungsauftrag des Großherzogs Friedrich Franz II. an Georg Adolph Demmler ausdrücklich die Erhaltung und Einbindung der älteren, aus dem 16. Jahrhundert stammenden Teile gefordert wurde", erklärt Deutschlands oberster Denkmalschützer Prof. Dr. Dr.-Ing. Gottfried Kiesow. "Es sind dies das Bischofshaus und das Lange Haus von 1553-59 mit den Terrakotten aus der Lübecker Werkstatt des Statius von Düren sowie die evangelische Schlosskirche von 1560-64 nach dem Entwurf von Erhard Altdorfer und Franz Parr. Der Grundriss der Gesamtanlage geht zudem bereits auf die mittelalterliche Burg mit unregelmäßigen Bauten um einen fünfeckigen Hof zurück, erneut aufgegriffen bei der Anlage von Bastionen durch den italienischen Festungsbaumeister Francesco a Bornau."

Während bei der Anlage mittelalterlicher Burgen und Festungen der Renaissance allein die Zweckmäßigkeit bestimmend war, ist das Schloss in Schwerin 1843 bis 57 überwiegend nach künstlerisch-städtebaulichen Gesichtspunkten erbaut worden. Dass es zu einem Märchenschloss inmitten der Seenlandschaft wurde, ist das Verdienst von Georg Adolph Demmler. Er verwendete nicht nur die Ideen aus Chambord, sondern auch Anregungen aus den Plänen zum Schlossumbau, die Hermann Willebrand und Gottfried Semper geliefert hatten.

Am 26. Mai 1857 feierte schließlich nach 15 Jahren Umbau Friedrich Franz II. mit tausenden Schwerinern drei Tage lang die Einweihung des neuen Schlosses. Es war nicht nur schöner als sein Vorbild im Loire-Tal geworden, sondern auch größer. Während der höchste Punkt in Chambord 56 Meter hoch ist, reckt sich die Spitze des Schweriner Hauptturmes auf 70 Meter Höhe. Stehen in Chambord 426 Räume zur Verfügung, sind es in Schwerin stolze 652 Zimmer mit einer Gesamtfläche von 20 848 Quadratmeter - größer als zwei Fußballfelder.

150 Jahre später, zu Pfingsten 2007, feierten die Schweriner wieder ihr Schloss. Und wieder kamen Tausende, denn die einstige Residenz des Großherzogs hat sich nicht nur zum Wahrzeichen der mecklenburg-vor pom merschen Landeshauptstadt entwickelt, sondern auch zum schönsten Parlamentssitz in Deutschland. Und genau diese Mehrfachnutzung als touristischer Anziehungspunkt, als Landtagssitz, als Schlossmuseum, macht die Einzigartigkeit aus und dient den Politikern nun auch als Hauptargument, um das Schloss als Unesco-Weltkulturerbe einzustufen.

Ringen um den Titel Weltkulturerbe Das Kultusministerium hat mittlerweile ein eigenes Referat damit beauftragt, den Antrag zur Aufnahme des Schweriner Schlosses in die Welterbeliste der Unesco auf den Weg zu bringen. "Unsere Aufgabe lautet, das Antragsverfahren vorzubereiten, mit dem sich die Bundesrepublik bei der Unesco bewirbt, Schwerin als Residenzstadt des 19. Jahrhunderts in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen", erläutert Dr. Karl-Reinhard Titzck. Sein Referat im Kultusministerium wurde nach der heftigen Kritik einer hochkarätigen Expertenrunde im Landtag in diesem Monat damit beauftragt, die Fäden der Schweriner Bewerbung in die Hand zu nehmen. Die Suche nach einem qualifizierten Gutachter, der mit einer fundierten wissenschaftlichen Stellungnahme den universellen Wert des Objekts darstellt, stehe nach mehreren Sondierungsgesprächen unmittelbar vor dem Abschluss, berichtet der Referatsleiter. Eingeleitet worden sei zudem die Prüfung, ob der Schweriner Antrag gemeinsam mit internationalen Partnern gestellt werden könne, schildert Titzck. Hintergrund: So soll die bis zum Jahr 2017 feststehende Antragsliste der Bundesrepublik umgangen werden. Derzeit konzentriere sich die Arbeitsgruppe deshalb auf die Suche nach internationalen Partnern. "Diese Variante wird von unserem Ministerium als vorzugswürdig eingestuft", betont Titzck. Sondierungen hätten ergeben, dass das nördlich von Paris gelegene Schloss Pierrefonds in Frage kommen könnte. Chambord, das Demmler als Inspiration für Schwerins Schlossumbau gedient hatte, komme im Übrigen als Partner nicht in Frage, da es in eine andere Stilepoche gehöre.

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