zur Navigation springen
Lokales

17. Dezember 2017 | 05:36 Uhr

Schiffsreise in die Vergangenheit

vom

svz.de von
erstellt am 10.Sep.2010 | 10:40 Uhr

Torgelow | Noch ist die "Uecker-Randow-Kogge" in Torgelow (Uecker-Randow-Kreis) nicht viel mehr als eine beeindruckende Baustelle: Im Inneren eines 26 Meter langen Schiff-Rumpfes stehen Tischlermeister Dirk Krotz und drei Helfer, hämmern, hobeln, pinseln. Doch in ein bis zwei Jahren wollen sie mit zig weiteren Helfern die Schiffshülle geschlossen haben, sollen Kastelle, Masten und Segel ein Lastschiff aus der späten Hansezeit auferstehen lassen.

Auch eine Art Denkmal-Pflege. Schiffsarchäologe Maik-Jens Springmann, der den Verein "Ukranenland - historische Werkstätten" seit Jahren bei dem 2001 begonnene Koggen-Projekt unterstützt, erklärt: "Das Schiff, das wir hier nachbauen, hat so vielleicht nie existiert" - aber vermutlich so ähnlich. Davon zeugt ein altes Votivschiff, das die Vereinsleute als Muster verwenden; das sogenannte "Ebersdorfer Modell" von 1440, eines der ältesten hölzernen Schiffsmodelle der Welt.

Ein Kreuzfahrer aus Ebersdorf bei Chemnitz im heutigen Sachsen soll das Schiffchen seiner Kirche gestiftet haben, bis oben hin gefüllt mit Gold. Der Dank dafür, dass ihn die heilige Jungfrau von Ebersdorf aus einem Sturm auf dem Mittelmeer gerettet habe. Heute ist von dem Votivschiff nur noch der Rumpf erhalten, sagt Springmann. "Und wie nah das Modell dem tatsächlichen Fahrzeug kam, weiß man natürlich nicht."

Trotzdem hält der Archäologe aus Greifswald die Uecker-Randow-Kogge für einen Idealfall lebendiger Geschichtsvermittlung. In Zeiten von Internet und Youtube könne man junge Leute immer weniger über statische Elemente für vergangene Zeiten begeistern, sagt Springmann. "Es gibt Heimatmuseen, in denen ein Hobel ausgestellt ist, und darüber steht: Diesen Hobel hat man früher zum Hobeln benutzt." Neugier könne damit wohl kaum wecken.

Mit einem Schiff viel eher. "Da sieht man: Wenn Du hier dran ziehst, geht da das Segel hoch", sagt Springmann. Man könne Jugendlichen das Leben an Bord als Mikrokosmos des damaligen Lebens zeigen, Naturgesetze veranschaulichen, die Archimedes schon vor Tausenden von Jahren entdeckt habe, und die Baukunst der alten Schiffbauer bewundern.

Offenbar denken nicht nur die Torgelower so. In den vergangenen 25 Jahren sind in zahlreichen Städten an der Ost- und Nordsee nachgebaute Frachtschiffe aus der Hansezeit entstanden, zuletzt die "Wissemara" in Wismar nach dem Vorbild eines Wracks, das 1997 vor der Insel Poel gefunden wurde. Der Verein "historische Werkstätten Ukranenland" in Torgelow hat in den vergangenen Jahren nicht nur eine Slawen- und eine Mittelaltersiedlung mit Werkstätten aufgebaut, sondern auch mehrere kleinere Schiffe nach historischem Vorbild.

Die Uecker-Randow-Kogge wäre ein weiteres Teilstück in diesem Puzzlebild der Vergangenheit. Tischlermeister Dirk Krotz, der seit 1996 zum Verein gehört, erklärt: "Wir wollen dann mit Jugendlichen, die das Ukranenlang besucht haben, Fahrten auf der Kogge unternehmen." Um sicher zu gehen, dass alle wieder an Land kommen, haben die Vereinsleute bereits 2002 ein erstes Modell ihres Bauwerks von Wissenschaftlern der Uni Rostock testen lassen. Dabei stellte sich heraus, dass das Ebersdorfer Schiff mit seinem Länge-Breite-Verhältnis von 2:1 sehr ungünstige Schwimmeigenschaften hatte, erzählt Springmann. Die 26-Meter-Kogge ist deshalb im Verhältnis deutlich länger - Sicherheit geht vor.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen