Runter mit den Anforderungen

Die Handwerkskammer klagt: Schüler interessieren sich nicht für handwerkliche Berufe.dpa
Die Handwerkskammer klagt: Schüler interessieren sich nicht für handwerkliche Berufe.dpa

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11. April 2010, 07:30 Uhr

parchim | "Wir stehen nicht vor einem Fachkräftemangel - wir sind mittendrin." Das ist die Erkenntnis des ersten Bildungsberichts der Koordinierungsstelle Übergang Schule-Beruf im Landkreis Parchim, kurz ParMa. Um die Situation zu entschärfen, enthält der Bericht eine Reihe von Empfehlungen für Schule, Politik und Wirtschaft.

"Ein Bewerber um einen Ausbildungsplatz als Bäcker muss nicht unbedingt die Mittlere Reife haben", kritisiert der Bericht die oft starren Anforderungsprofile. Für Azubis und Betriebe gebe es viele Unterstützungsmöglichkeiten. Aber auch Schulen sollten ihre Konzepte zur Berufsorientierung überarbeiten. Zu selten finde diese in allen Fächern statt.

Ein Indiz für den sich verschärfenden Fachkräftemangel ist der Rückgang der Ausbildungsbetriebe. Rund 20 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, weniger als im Vorjahr auszubilden. Hauptgrund dafür: Die Betriebe finden keine geeigneten Bewerber. So gingen die Vorstellungen vieler Jugendlicher an der Realität vorbei. Die Handwerkskammer klagt: "Die Schüler interessieren sich nicht für handwerkliche Berufe."

Hier passt also etwas nicht zusammen. Der Bildungsbericht: "Eindeutig ist die Entwicklung zu erkennen, dass die Zahl der nachgefragten Ausbildungsprofile mit sehr hohen Anforderungen steigt und im Gegenzug Ausbildungsberufe mit sehr niedrigen Anforderungen immer weniger angeboten werden." Die Zahl weniger gut ausgebildeter Schulabsolventen steige, während das Ausbildungsplatzangebot für diese Gruppe sinke.

Was für die Jugendlichen bei der Berufswahl zählt, zeigt eine Befragung von Mädchen und Jungen aller Schulformen im Landkreis. Für 94,7 Prozent ist der Verdienst das wichtigste Kriterium. Die Schüler nennen die Chance, überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen, als zweitwichtigen Punkt. Aber auch auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie legen sie großen Wert. Und sie korrigieren auch manches Vorurteil, denn Ansehen (52 Prozent) und Freizeit stehen mit 42,5 Prozent an letzter Stelle.

Dass es viel zu tun gibt und ParMa wichtiger denn je ist, beweist die Grundstimmung der Jugendlichen im Landkreis: 62 Prozent stimmen zu, wenn es heißt: "Hier in der Region ist es aussichtslos, dass man einen Ausbildungsplatz bekommt." 82 Prozent sagen: "Man muss dahin gehen, wo man Arbeit findet." Unternehmer und Politik sind angetreten, das Gegenteil zu beweisen.

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