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"Rügen bekommt ihr nach dem dritten Weltkrieg"

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Schwerin | Wilhelm Pieck kochte vor Wut, als er Anfang Juli 1945 auf einer gemeinsamen Sitzung mit SPD-Funktionären in Weimar die Nachricht bekam. "Genossen, mir wird soeben mitgeteilt, dass die Polen Stettin besetzt haben." An der Sitzung nahm auch der damaligen Thüringer SPD-Mann Hermann Kreutzer teil. Nach dessen Erinnerungen schrie Pieck in der Versammlung: "Das ist ein Übergriff, den wir uns nicht bieten lassen werden. Und überhaupt, werden wir uns alles zurückholen, was uns die Pollacken geraubt haben, auch meine Heimatstadt Guben".

Pieck, damals Vorsitzender der KPD und später Präsident der DDR, hätte es besser wissen müssen. Nicht die Polen haben Stettin von sich aus besetzt. Die Strippen wurden in Moskau gezogen. Die Entscheidung fällte Stalin - ohne das Einverständnis der anderen Siegermächte USA und Großbritannien.

Nach langen Verhandlungen im Februar 1945 in Jalta und fünf Monate später in Potsdam hatten sich die Alliierte auf die Oder-Neiße-Grenze als Trennlinie zwischen der sowjetischen Besatzungszone und Polen geeinigt.

In den Beschlüssen von Potsdam steht verbindlich: "Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, daß bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft..."

Stettin, Hauptstadt der preußischen Provinz Pommern mit einst 380 000 Einwohnern liegt auf der westlichen Seite der Oder und hätte nach diesem Wortlaut nicht polnisch verwaltet werden dürfen. Doch es kam anders.

Am Donnerstag, den 26. April 1945, zog die Rote Armee kampflos in Stettin ein. Auf dem Rathaus wehte die weiße Fahne. In der Nacht zuvor hatten die Deutschen die fast völlig zerstörte Stadt geräumt, nur etwa 4000 kranke und alte Menschen blieben zurück. Die Russen setzen noch am selben Tag mit dem Kommunisten Ernst Rusch einen deutschen Bürgermeister ein. Schon am 2. Mai wurde Rusch durch Erich Spiegel, einem Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland abgelöst. Ende Mai löste ihn der Kommunist Erich Wiesner als Oberbürgermeister ab.

Inzwischen waren etwa 80 000 Stettiner in ihre Stadt zurückgekehrt. Ihre Lebensumstände waren katastrophal, doch sie hatten ihre Heimat behalten - glaubten sie zumindest. Immerhin war eine polnische Organisationsgruppe, die mit einer eigenen Verwaltung die Übernahme Stettins vorbereiten sollte, von der Roten Armee zweimal aus der Stadt gejagt worden.

Doch Stalin bluffte. Nichts sollte vorerst den Eindruck erwecken, dass Stettin polnisch werden würde. Dabei war die Entscheidung längst gefallen. In seinem Buch "Mecklenburg-Vorpommern, die Stadt Stettin ausgenommen", beschreibt Bernd Aischmann, Journalist und mehrere Jahre Vize-Regierungssprecher im Land Brandenburg, detailliert die Geheimverhandlungen Stalins mit dem ihm hörigen "Polnischen Komitee zur Volksbefreiung" im Juli 1944. Der sowjetische Herrscher hatte vor allem ein Ziel: Er wollte sich die ostpolnischen Gebiete sichern, die er beim Überfall der Deutschen auf Polen im September 1939 im Einvernehmen mit Adolf Hitler der Sow jetunion einverleibt hatte. Stalin begründete seine Gebietsansprüche vor allem mit den am Ende mehr als 25 Millionen Toten, die der Krieg an Blutzoll der Sowjetunion abverlangt hat. Polen sollte stattdessen mit deutschen Territorien entschädigt werden.

Einen weiteren Gewinn aus der Eingliederung der deutschen Gebiete in den polnischen Nachkriegsstaat und der Vertreibung der deutschen Bevölkerung sah Stalin darin, dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen auf Jahrzehnte belastet sein würden. Teile und herrsche, war das Motto der Sowjetführung. Aber in welchem Umfang sollte Polen auf Kosten der Deutschen entschädigt werden? Die polnischen Vertreter bei den Geheimverhandlungen im Juli 1944 in Moskau verlangten auch Usedom und Rügen nach dem Sieg über Hitler an Polen zu übergeben. Als strategische Basis wären die Ostseeinseln zur Verteidigung gegenüber Deutschland enorm wichtig. Nach Aischmann, der sich auf polnische Teilnehmer der Verhandlungsrunde beruft, sei Stalin bei der Frage nach Rügen an die Landkarte gegangen, habe seine Brille aufgesetzt und geantwortet, dass "wir sie wahrscheinlich nach dem Dritten Weltkrieg erobern können, jetzt ist das nicht möglich." Nach dem nächsten Krieg könnte Polen Rügen bekommen.

Am 27. Juli 1944 unterzeichneten beide Seiten ein Geheimabkommen, das den Polen Moskaus Unterstützung bei der Übernahme Stettins ausdrücklich zusagt.

Stalins Bluff mit Stettin wird von Historikern heute damit erklärt, dass die Westalliierten nach der Kapitulation Deutschlands weit auf das Gebiet der vereinbarten sowjetischen Besatzungszone vorgedrungen waren. Erfurt, Leipzig, Magdeburg und Schwerin waren von den Angloamerikanern befreit worden. Ob sich die Westalliierten auf die vereinbarte Demarkationslinie zurückziehen, war bis Ende Juni 1945 aus Sicht der Russen nicht eindeutig zu beantworten. Zumindest wollte Stalin mit einseitigen Zusagen an Polen die Amerikaner und Briten nicht verärgern.

Folgerichtig übergab Moskau am 5. Juni - fünf Tage nach dem Abzug der Briten aus Schwerin - Stettin an die polnische Verwaltung. Der letzte Oberbürgermeister, Erich Wiesner, wechselte nach Schwerin, wurde dort ebenfalls Chef der Stadtverwaltung und später Redakteur und Parteisekretär der Schweriner Volkszeitung.

Um die Lebensfähigkeit Stettins zu erhalten, übergab die Sowjetunion auch den halben damaligen Kreis Randow an Polen. Als vor 65-Jahren, am 21. September 1945, dazu in einer Villa in der Werderstraße die Schweriner Verträge unterschrieben wurden, waren die Deutschen nur Zaungäste. Aus Stettin war Sczczecin geworden.

Die Anerkennung von deutscher Seite ließ lange auf sich warten. Am 6. Juli 1950 unterzeichneten die DDR und Polen das Görlitzer Abkommen. Der Text orientiert sich am Potsdamer Abkommen. Das Stettiner Gebiet wurde nicht erwähnt. Die Bundesrepublik Deutschland schloss 1970 mit Polen den Warschauer Vertrag und erkannte die Grenze de facto an. Erst 1990 wird im Zwei-plus-Vier-Vertrag die bestehende Grenze zwischen dem vereinten Deutschland und Polen bestätigt.

17 Jahre später fielen die Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Polen weg. Pommern ist ist zu einer Region ohne Schlagbäume geworden.

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erstellt am 20.Sep.2010 | 07:58 Uhr

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