Routine gibt es in der Anstalt nie

In der Ausbildung werden die künftigen Justizvollzugsbeamten von erfahrenen Mitarbeitern der Anstalt, hier Bützows JVA-Sprecher Jens Kötz (r.), begleitet.  Hier beim Öffnen eines Gefängnis-Traktes. Nadine Schuldt
In der Ausbildung werden die künftigen Justizvollzugsbeamten von erfahrenen Mitarbeitern der Anstalt, hier Bützows JVA-Sprecher Jens Kötz (r.), begleitet. Hier beim Öffnen eines Gefängnis-Traktes. Nadine Schuldt

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18. Januar 2010, 12:24 Uhr

Bützow | Es ist kein ungefährlicher Beruf: Sie sind den ganzen Tag von Verbrechern umgeben, müssen für Ordnung und Ruhe sorgen und einen reibungslosen Tagesablauf gewährleisten: Justizvollzugsbeamte. Dass sie eine besondere Eignung für diesen Job mitbringen müssen, versteht sich.

Bevor Bewerber die Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten antreten, müssen sie es erst einmal durch ein mehrstufiges Auswahlverfahren schaffen. "Es ist ein harter Test, bei dem wir immer wieder aussortieren", sagt Jens Kötz, Sprecher der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bützow. Die Kandidaten müssen neben einem Test zum Allgemeinwissen auch eine sportliche Eignungsprüfung ablegen. Marcus, der sich im dritten Ausbildungsjahr befindet, kann sich noch gut an das Auswahl-Procedere erinnern. "Der Sport war der einfachste Part", sagt der 30-Jährige. Für den Hobbyfußballer, der mehrmals in der Woche in einem Verein trainiert, kein Problem.

Bewerber sollten Berufsausbildung haben

"Sport ist ein Durchfallkriterium. Wenn der Bewerber diesen Test nicht besteht, kommt er im Auswahlverfahren nicht weiter", erläutert JVA-Sprecher Kötz. Für manch anderen Bewerber indes, der zwar den Sport-Check geschafft hat, ist nach dem Deutsch- oder dem IQ-Test Schluss. Hierbei fallen 50 Prozent der noch vorhandenen Bewerber durch. Ein weiterer Teil schafft den Gruppentest nicht. Die Kandidaten, die bei dieser Aufgabe von Psychologen beobachtet werden, müssen unter anderem ihre Kommunikations- sowie Teamfähigkeit unter Beweis stellen.

Die Bewerber, die nach diesen Runden immer noch dabei sind, werden zu einem Gespräch mit der Leiterin der Bildungsstätte, der Anstaltsleiterin der künftig zu besetzenden Stelle, einem Vertreter vom Personalrat sowie dem Ausbildungsleiter der betreffenden Einrichtung eingeladen. Erst danach bekommen sie die Ausbildungszusage.

Antje, Marcus und Riccardo, alle Drei zurzeit in Ausbildung in der Bützower Haftanstalt, haben die Auswahltests bestanden. Wie auch sie sind Anwärter in der Regel zwischen 25 und 30 Jahren alt und haben schon eine abgeschlossene Berufsausbildung. Von den Anstaltsleitungen ist das sogar erwünscht - bringen sie so doch bereits eine gewisse menschliche Reife mit.

Die drei Anwärter befinden sich in ihrem dritten Ausbildungsjahr. An ihren ersten Lehr-Tag können sie sich noch gut erinnern. "Wir haben uns alle auf dem Parkplatz vor der JVA in Neubrandenburg getroffen, und jeder war aufgeregt", erzählt Antje. Die Nervosität sei verständlich. "Entgegen anderer Berufe konnte ich hier noch kein Praktikum machen", schildert sie. Als sie damals ankamen, hätten die Insassen gerade ihre Frei-Stunde gehabt.

Die Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten ist in sechs Teile gegliedert - drei theoretische und drei praktische. Fächer wie Vollzugs- und Beamtenrecht, Untersuchungshaft oder Psychologie werden an der Güstrower Fachhochschule gelehrt. Gar nicht so einfach - oft lernen die Anwärter für diese Fächer bis in die Nachtstunden.

Um später in der Praxis sicher bestehen zu können, werden die "Lehrlinge" von Anfang an in den alltäglichen Arbeitsablauf in der sie ausbildenden Anstalt integriert. "Vom ersten Tag an bekommen die Anwärter einen Ausbildungs- und einen Praxisleiter zugewiesen", sagt JVA-Sprecher Kötz.

Mit dem Praxisleiter vollziehen die Azubis die täglichen Abschnitte, er hat stets ein Auge auf sie.

Konzentration ist das A und O

Wie beim morgendlichen Durchzählen. "Wenn der Anwärter schon etwas länger dabei ist, kann er auch die Türen auf der einen Seite des Traktes aufschließen, wobei ich ihn immer im Auge habe", erläutert Margarete Krüger, die in Bützow als Praxisleiterin tätig ist. Stetes Konzentration seien das A und O in diesem Beruf. "Routine hat man hier gar nicht, höchstens Handlungssicherheit", sagt Riccardo.

Das hat Marcus schon einmal hautnah miterlebt. Als er einen Praxisteil in der JVA-Waldeck absolviert hat, ist ein Neu-Zugang, der psychologisch auffällig war, auf ihn und die Beamten mit einer Glasscherbe aus einem Spiegel losgegangen. Damit er sowie die anderen Kandidaten auch in dieser extremen Situation später richtig reagieren kann, führen die Anwärter für mehrere Wochen ein so genanntes Situationstraining durch. Beamte verkleiden sich hierbei als Insassen, und es wird mit dem Anwärter eine mögliche Gefahrensituation nachgestellt, die von den anderen Kandidaten in einem anderen Raum am Bildschirm verfolgt wird. "Das Procedere soll Handlungssicherheit bringen", erläutert Krüger. Dieser Test ist einmalig in Deutschland - nur in Berlin wird er in veränderter Form angeboten.

Mit Nachwuchsproblemen hat weder die hiesige JVA noch die anderen vier Einrichtungen im Land zu kämpfen. Jährlich gehen an die 300 Bewerbungen im Justizministerium ein. "Etwa die Hälfte davon schafft es aufgrund der mangelnden Eignung erst gar nicht zum Auswahlverfahren", erläutert Kötz.

Die drei Anwärter zum Justizvollzugsbeamten wollen anonym bleiben.

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