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Lokales

18. November 2017 | 22:49 Uhr

Rostocks vorsichtiger Boom

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erstellt am 18.Jan.2010 | 10:32 Uhr

Rostock | Jetzt ist Schluss mit dem Kellerkind-Image. Rostock boomt. Zumindest ist hier in Sachen Wirtschaftswachstum mehr los als in Berlin, Lübeck, Dortmund, Oberhausen oder Leipzig. Das will zumindest die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) mit ihrem Städteranking 2009 belegen: die 50 größten deutschen Städte im Dynamik- (Entwicklung) und Niveau-Vergleich (Zustand). Auf der Wachstumsebene machte die Hansestadt einen gewaltigen Sprung und hechtet auf Platz sieben. Dagegen fiel die selbst ernannte Regiopole beim Ist-Vergleich auf Platz 45 zurück.

Doch Rostock entwickelt sich. Die ewig Letzte ist innerhalb von zwei Jahren in der Gesamtwertung 13 Ränge nach oben geklettert - auf Platz 37. In den ersten Jahren der Studie, die 2004 Premiere hatte, hielt die Stadt auf Platz 50 lange Zeit als Bummelletzter die rote Laterne. Jetzt gilt der Wirtschaftsraum an der Warnowmündung im INSM-Ergebnis als relativ krisenfest.

Die Stärken

Rund 124 Millionen Euro haben Firmen zwischen 2004 und 2008 in den Wirtschaftsstandort Rostock investiert. Dabei sind 2830 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden. So erklärt Rostocks OB Roland Methling (parteilos) beispielhaft, warum die Kommune bei der INSM-Studie immer besser abschneidet - 2008 hat die Hansestadt schon Rang 40 belegt. Allein durch die Ansiedlungen der Firmen Adm, Hansenet Alice, Ikea Callcenter, Rottach oder Lidllogistik Center bis 2006 wurden mehr als 1200 Arbeitsplätze generiert. Besonders produktionsorientierte Bestandsunternehmen wie Nordex oder DMR haben nach OB-Angaben mehr Mitarbeiter angestellt. Und das Schöne für alle Eltern: 52,3 Prozent aller Kinder unter drei Jahren werden in Kindertageseinrichtungen betreut. Der Studien-Schnitt liegt mit 17,6 Prozent weit darunter. Rostock erreicht Platz 2.

Die Unternehmer schätzen das gute wirtschaftliche Klima im Nordosten. Das bestätigen 64,4 Prozent der hiesigen Unternehmer, zumindest sind das die Ergebnisse einer Umfrage der Universität Bonn. Der von INSM ermittelte Durchschnitt liegt mit 58,4 Prozent schon etwas tiefer.

Und 2008 ist die Wirtschaftsleistung der Studie nach pro Einwohner um 20,1 Prozent gestiegen. Platz 6 für Rostock im Nievau-Ranking, hinter Mühlheim, Saarbrücken, Gelsenkirchen, Hamm und Hagen. "Im Mittel der 50 Städte wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 13,3 Prozent", heißt es in der Studienauswertung.

Ein Auslöser dafür liegt bei der drastisch gesunkenen Arbeitslosenquote. Die lag 2005 noch bei 19,9 Prozent, 2008 bei 12,7. Das hat Auswirkungen. "So bedeuten zum Beispiel die 2832 geschaffenen Arbeitsplätze mögliche Konsumausgaben in Höhe von 75 Millionen Euro", sagt Methling. Für Rostock bedeutet das gleichzeitig eine Haushaltsentlastung hinsichtlich Hartz IV und Sozialgeld in Höhe von etwa einer Million Euro sowie Folgeinvestitionen von vier Millionen. Methling betont, dass sowohl die Beschäftigung von Hochqualifizierten als auch von optimal qualifizierten Fachkräften zwischen 2003 und 2008 den ersten Arbeitsmarkt und die kommunale Kasse entlastet habe.

Unangefochtener INSM-Studiensieger ist Rostock bei der Anhebung der Altersbeschäftigung. Die stieg zwischen 2003 und 2008 um 12,4 Prozentpunkte. Der Durchschnitt der untersuchten Städte lag bei 7,5.

Die Warnow-Stadt steht in Sachen Arbeitsmarkt dennoch lange nicht auf der Sonnenseite deutscher Ballungszentren, bei den Touristen schon. Die INSM-Experten zogen Zahlen aus dem Jahr 2007 heran, nach denen 7,2 Gästeübernachtungen pro Rostocker zusammenkommen. Das bedeutet Platz 3 im Städtewettbewerb.

Die Schwächen

So schön Wirtschaftswachstum für den Standort auch ist, durchschnittliche Angestellte und Beschäftigte spüren von dem ökonomischen Aufwind oft nur eine Böe. Der Rostocker hat 2008 im Schnitt 14 906 Euro auf sein Konto bekommen. In den 49 Vergleichsstädten scheffelten Arbeitnehmer 18 666 Euro. Rostock bleibt Vorletzter: Rang 49. Das selbe gilt für die Einkommenssteuerkraft . Hier haben Einwohner 2007 etwa 140 Euro an den Fiskus abgedrückt, das Mittel aller 50 Städte lag dagegen weitaus höher bei 298 Euro.

Wie Augenwischerei erscheinen die guten Ergebnisse beim Abbau der Arbeitslosigkeit. Zwar hat der hiesige Wirtschaftsraum schon viel erreicht, dennoch gibt es laut Statistik in Rostock viel mehr Jobsuchende als vielerorts. "Auf 100 Einwohner in Rostock kommen 12,4 Arbeitslosengeld-II-Empfänger", heißt es in der INSM-Untersuchung. Im Schnitt aller 50 Vergleichsstädte sind 8,5 Prozent der Einwohner so genannte Hartz-IV-Empfänger. Auch sie spüren vom Wirtschaftsmotor Rostock wenig. Im Gegenteil: Die Gruppe ist sogar größer geworden. Ihr Anteil stieg um 2,7 Prozentpunkte. Platz 40 für Rostock. Damit ist die Stadt nicht allein, denn im Mittelwert aller 50 Ballungszentren stieg der Hartz-IV-Anteil um 1,9 Prozentpunkte nach oben.

Hochqualifizierte Beschäftigte scheinen in Rostock trotz Universität kaum Fuß zu fassen. Ihre Anteil an allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten hat sich zwischen 2003 und 2008 um 0,3 Prozentpunkte gesteigert. Der INSM-Mittelwert liegt bei einem Prozent. Platz 46 für die Hansestadt. "Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der Anteil hochqualifizierter Arbeitnehmer in der Hansestadt Rostock mit 13,6 Prozent bereits über dem Mittelwert von 12,4 Prozent liegt und innerhalb der Studie einem Platz 18 entspricht", so Stadtoberhaupt Methling.

Durchwachsen kommt gleichfalls der so genannte Demografieindex daher. Er beschreibt beispielsweise das Verhältnis zwischen Alt und Jung in einer Stadt. Rostock erreicht Platz 47, heißt so viel wie kaum Dynamik vorhanden.

Die Studie in der Kritik

Und was ist mit Kultur, Freizeit und Bildung? Die so genannten weichen Standortfaktoren kommen in der INSM-Studie einfach zu kurz. Die hier untersuchten Wachstumseffekte beschränken sich auf "Investitionen in Ausrüstungen und Arbeitsplätze", teilt Rostocks Stadtoberhaupt Methling mit. Langfristige Beobachtungen fehlen demnach in den Bereichen Tourismus, Einzelhandel, Immobilienmarkt und Image. "Nicht berücksichtigt werden darüber hinausgehende Entwicklungen wie die Einzelhandelsentwicklung des Wirtschaftsstandortes durch die verbesserten Rahmenbedingungen", so der Rathauschef.

Hinzu kommen Schwächen in der Analyse. Einer Stadt wie Rostock fällt es unter Umständen viel leichter, im Wirtschaftswachstum zuzulegen, als einem altgewachsenen Stadtriesen wie Berlin. So können bei oberflächlicher Betrachtung sehr leicht Erfolg und Misserfolg verwischen.

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