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13. Dezember 2017 | 16:16 Uhr

Zwischen Wunden und Wunder

vom

svz.de von
erstellt am 21.Apr.2011 | 12:42 Uhr

In Umfragen wird festgestellt: Eine große Zahl von Deutschen kann mit den hohen christlichen Festen wie Weihnachten und Ostern nur wenig verbinden. Dabei gilt, je jünger die Befragten, desto größer die Unkenntnis. Aus Ostern wird dann schon einmal ein Gedenktag anlässlich der vermuteten Hochzeit Jesu Christi. Einige verbinden mit Ostern überhaupt keinen religiösen Hintergrund.
Manche sind angesichts eines solchen Verfalls von Bildung und Wissen entsetzt. Auch ich mache mir darüber Sorgen. Doch mit Kulturpessimismus kommt man nicht weiter. Vielmehr müssen wir uns als Kirchen die Frage gefallen lassen, weshalb wir mit der Oster-Botschaft nicht durchdringen. Weshalb lassen sich Menschen von diesem Fest der Freude und des Lebens oft so wenig ansprechen? Weshalb scheinen ihnen Themen wie Tod und Auferstehung und ewiges Leben gleichgültig zu sein?
Während die Weihnachtsgeschichte mit ihren Elementen von Stall und Geburt, Hirten und Weisen viele Menschen unmittelbar anspricht, ist dies bei der Osterbotschaft anders. Die Geburt eines Kindes ist ein großartiges Ereignis, aber dennoch alltäglich erfahrbar. Damit lässt sich etwas anfangen. Die Ostergeschichte der Auferstehung Jesu von den Toten hingegen ist vielen Menschen zu wenig im Alltag verwurzelt. Sie erscheint ihnen als unglaubwürdiges Wundergeschehen.

Ein Wunder ist Ostern tatsächlich. Denn Ostern steht für die Umkehrung unserer menschlichen Sicht auf das Leben. Nicht Schmerzen und Verlust haben das letzte Wort. Am Ende des Lebens steht auch nicht der Tod. Die Osterbotschaft lautet: Am Ende gewinnt das Leben. Das muss uns wirklich als Wunder erscheinen. Denn es passt so gar nicht in unsere Erfahrungswelt hinein.
Ein Blick auf die letzten Stunden Jesu kann uns die Augen für die Tiefe dieses Wunders öffnen. Denn diese letzten Stunden hatten ganz und gar nichts Wundervolles. Es waren Stunden des Leidens und der Schmerzen. Eine Wunde nach der anderen wird Jesus zugefügt: Seelische Wunden beim Verrat seines Jüngers Judas und bei der Verleugnung durch Petrus. Körperliche Wunden bei der Folterung durch die römischen Soldaten und im Verlauf der Hinrichtung am Kreuz.

Jesus Christus, der von Christen als Sohn Gottes verehrt wird, beendet sein Leben als Verwundeter. Er lernt Verfolgung und Folter kennen. Er erfährt am eigenen Leib Ungerechtigkeit und Verhöhnung. Einsamkeit umgibt seine Todesstunde. Nach menschlichen Maßstäben ist alles, was Jesus in seinem Leben gewollt hat, mit seinem Tod gescheitert.

Damit wird deutlich: Das Wunder von Ostern ist alles andere als ein billiges Wunder. Das Wunder macht die Wunden nicht vergessen. Der auferstandene Christus zeigt seinen Freunden die Wunden der Kreuzigung, die er weiterhin am Leib trägt. Mit Ostern werden Leiden und Tod nicht verdrängt. Das abgedruckte Bild von Peter Burkart macht dies anschaulich: Das Kreuz Jesu, dessen Dunkelheit die linke Bildhälfte dominiert, ist schemenhaft in das strahlende Licht von Ostern eingezeichnet. Das eine macht das andere nicht ungeschehen. Beide gehören zusammen.

Gleiches gilt für die Osterfreude der Christen heute. Auch sie macht nicht blind für all das Dunkle und Verwundete im Leben. Sie lässt das Leid der Menschen aktuell in Japan oder auf Haiti nicht vergessen. Die Osterfreude stärkt jedoch im Kampf gegen Verfolgung, Unterdrückung und materielle Not. Sie macht Mut im Einsatz für weltweite Gerechtigkeit und Frieden. Unser Osterglaube verbindet beide Dimensionen: die Anerkennung der Wunden und die Freude über das Wunder.

Vielleicht liegt es an dieser Spannung zwischen Leid und Jubel, dass der Inhalt des Osterfestes bei vielen Menschen heute auf Unkenntnis oder Gleichgültigkeit trifft. Die Ostererzählung vom leeren Grab und den Erscheinungen des Auferstandenen ist aufgeklärten Zeitgenossen an sich schon schwierig genug. Es ist eine Botschaft, die sich schwer schlucken lässt. Nimmt man aber Karfreitag und Ostern gemeinsam in den Blick, werden die Denkschwierigkeiten vervielfacht. Kann aus einem solch schrecklichen und schmählichen Tod noch Gutes wachsen? Muss damit nicht jede Hoffnung zunichte gemacht werden?
Genau dies ist aber nicht der Fall – in der Ostererzählung nicht und auch im Leben nicht. Es überrascht mich immer wieder, dass ich auf meinen Reisen in die Länder des Südens gerade dort großartige Erfahrungen von Glaube, Hoffnung und Liebe mache, wo Leiden und Ungerechtigkeit groß sind. Und auch bei uns im Norden begegne ich vielen Menschen und Gruppen, die aus dem christlichen Glauben heraus Kraft schöpfen zu einem herausfordernden Ehrenamt oder mutiger Zivilcourage. Die in ihrem eigenen Leiden Trost noch für die Menschen um sich haben. Es ist richtig: Schmerzen können lähmen, und Unterdrückung kann stumm machen. Doch auch das Umgekehrte ist der Fall: Schatten werden vom Licht verdrängt und Leben wächst dort, wo schon alles erstorben war. So geschehen unter uns oft österliche Wunder. Allein: Es ist nicht einfach, sie im Alltag zu erspähen.

Ohne zu prahlen dürfen wir mehr und öfters von diesen Wundern im Alltag erzählen. Denn sie können dabei helfen, dass auch das Wunder von Ostern unter den Menschen unserer Gesellschaft wieder bekannter wird. Und die innerlich und äußerlich Verwundeten unter uns können darauf hoffen, dass am Ende die Freude überwiegt.

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