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Norddeutsche Neueste Nachrichten

22. September 2017 | 20:35 Uhr

Zwischen Show und Wirklichkeit

vom

svz.de von
erstellt am 16.Jul.2011 | 04:34 Uhr

Wenn Lola sich herrichtet, kann das schon mal bis zu vier Stunden dauern. Baden, rasieren, schminken, frisieren – und immer ein Gläschen Sekt zwischendurch. Mehr als 200 Kostüme hängen in ihrem Schrank. Auch im Keller musste Lola schon welche verstauen, weil der Platz in der Wohnung einfach nicht reicht. Hinzu kommen 100 Schuhe, Hauben und Perücken. Wenn das Make-up sitzt, kann es losgehen. Vier Stunden zuvor war Lola noch ein Mann: Uwe Glinkowski, 43 Jahre alt.

Seit mehr als 25 Jahren ist Glinkowski Travestie-Künstler. Heute nimmt er am 10. Christopher-Street-Dayin Rostock teil. Er fährt bei der Parade auf dem Wagen von Rat und Tat mit. Tagsüber und abends wird er als schillernde Drag Queen durch die Straßen laufen, die Leute unterhalten und aufklären – über Homosexualität und HIV. Er selbst ist seit 25 Jahren mit dem Virus infiziert.
Als Kabarett-Star in San Francisco Rumgekommen ist Glinkowski durch seine Leidenschaft schon viel. Hamburg, Berlin, Köln und San Francisco, und immer mit Stars aus der Szene auf der Bühne. „San Francisco war sehraufregend für mich“, erinnert sich der gelernte Maskenbildner. Zu Hamburger Zeiten war er auch tagsüber eine Frau, schminkte sich, hatte lange schwarze Haare und wollte sich umoperieren lassen. Doch das ist vorbei, auch die langen Haare sind ab. Das mache sich sowieso besser unter den Perücken.

Seit knapp zwei Jahren hat Glinkowski einen Gang zurückgeschaltet. Nur noch selten verwandelt er sich in Miss Lola de la Schrott, so sein vollständiger Künstlername. „Neben HIV habe ich jetzt auch Arthritis in den Händen.“ Glinkowski geht sehr offen mit seiner Krankheit um. Alle seine Freunde und Bekannten wissen davon, das sei ihm wichtig. Diese Offenheit hat ihn vor 28 Jahren nach Ostberlin gebracht, wo seine Zeit als Miss Lola begann. „Ich bin in einem kleinen Dorf auf Rügen aufgewachsen.“ Seine Eltern konnten mit Homosexualität nichts anfangen, also haute er ab. In Ostberlin lernte Glinkowski dann seine große Liebe kennen. Gemeinsam wollten sie in den Westen abhauen. „Wir wurden erwischt. Saßen dann dafür ein halbes Jahr ein“, erzählt Glinkowski. Dann folgte die Abschiebung nach Westberlin. In Neukölln machte sich Glinkowski einen Namen als Lola. Irgendwann landete er in Hamburg. Hier lernte er Olivia Jones kennen, Deutschlands bekannteste Drag Queen. „Wir sind befreundet, haben ab und zu Kontakt.“ Regelmäßig verschlägt es ihn auf die Reeperbahn. Entweder als Lola oder zum Einkaufen. Hier bekommt er alles, was er für seine Kostüme braucht.

Seit sieben Jahren lebt Glinkowski nun in Rostock. Hier hat er seine Schwester wiedergefunden und damit neuen Halt, denn vor acht Jahren starb sein Lebensgefährte an Aids. Mit Arbeit versuchte er sich damals abzulenken, noch immer denkt er viel an ihn.

Heute ist er ehrenamtlich tätig und kümmert sich um Senioren. „Auch meine vielen Omas kommen heute vorbei, um mich als Miss Lola zu erleben“, sagt der 43-Jährige. In seinem Stadtteil Toitenwinkel fühlt Glinkowski sich sicher. Auch hier weiß jeder Bescheid. „Durch meine Offenheit habe ich meine Umgebung verändert“, sagt er und meint damit das Verhalten gegenüber homosexuellen Menschen.

Uwe Glinkowski will in Rostock bleiben. „Hier habe ich meine Ärzte, meine Schwester und ich kann ab und zu beim Verein Rat und Tat helfen.“ Für seine Zukunft wünscht er sich nicht viel. Vielleicht mehr Freunde und wieder eine richtige Beziehung.

>> Das Programm

Infostände sind schon ab dem frühen Morgen für die Besucher offen. Ab 13 Uhr beginnt das Bühnenprogramm auf dem Neuen Markt. 15 Uhr werden Schirmherrin Manuela Schwesig (SPD), Sozialministerin von MV, sowie der Vorstand des Christopher-Street-Days den Tag offiziell eröffnen. Um 15 Uhr schließt sich dann die Parade durch die Rostocker Innenstadt an. Dadurch kann es zu Einschränkungen im Verkehr kommen. Für die Parade, die auf dem Neuen Markt beginnt und auch endet, werden zeitweilig mehrere Straßenzüge in der City für den Fahrverkehr gesperrt. Das betrifft unter anderem die Schröderstraße, August-Bebel-Straße, und die Lange Straße. Die Rostocker Polizei empfiehlt allen Verkehrsteilnehmern, in der Zeit von 15 bis zirka17 Uhr den Innenstadtbereich möglichst zu umfahren. Auch nach der Parade geht das Bühnenprogramm weiter. 17.30 Uhr wird es eine politische Diskussion geben.

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