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Zahl der Asylbewerber in Wolgast steigt : Zwischen Hass und Gastfreundschaft

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Im Asylbewerberheim in Wolgast kümmert sich Margit Krüger um die ausländischen Kinder. Sie malt mit ihnen und bringt ihnen die ersten deutschen Worte bei. Doch nicht immer ist der Alltag in der Unterkunft so idyllisch.

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erstellt am 28.Okt.2012 | 08:24 Uhr

Wolgast | Kinder verstehen Erwachsene auch dann, wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen: Lächelnd reicht Margit Krüger einem kleinen afghanischen Mädchen im Asylbewerberheim in Wolgast einen Buntstift. Die Kleine schaut dankbar in das Gesicht der 55-Jährigen und beugt sich mit dem neuen Stift in der Hand über ihr Blumenbild. "In der Schule habe ich zwar Englisch gelernt", erzählt Krüger. Aber wirklich gebraucht habe sie die Sprache bislang nie, entschuldigt sie ihre rudimentären Sprachkenntnisse. Seit mehr als einem Monat kommt die Frührentnerin fast täglich in die Unterkunft in einem DDR-Plattenbau, um mit den ausländischen Kindern zu malen, zu puzzeln oder ihnen über Bilderbücher die ersten Wörter in der fremden Sprache Deutsch beizubringen. "Mir bringt das sehr viel", erzählt sie und nimmt einen kleinen Jungen auf ihren Schoß.

Anfang Oktober flog ein Knallkörper auf einen Balkon des Asylbewerberheimes. Es mag ein dummer Jungenstreich gewesen sein. Doch seitdem im September ein Filmbeitrag im ARD-Politmagazin "Panorama" Flüchtlingskinder zeigte, die nichtsahnend zur Musik mit deutsch-nationalen Texten auf dem Hof des Plattenbauviertels tanzten, ist man in Wolgast sensibilisiert. "Dieser Beitrag hat die Wolgaster erst geschockt und wütend gemacht. Dann haben sie es als Stachel empfunden, etwas zu unternehmen", berichtet Pfarrer Jürgen Hanke. Zum Erntedankgottesdienst spendeten die Bürger Lebensmittel, Süßigkeiten für die Kinder und Winterkleidung. Ein Wolgaster Altenheim hat inzwischen angefragt, ob junge Asylbewerber ehrenamtlich mit älteren Menschen spazieren gehen wollten. Ein pensionierter Deutschlehrer hat gerade einen kostenlosen Deutschkurs für die Heimbewohner gestartet.Weil die Nachfrage so groß ist, soll ein zweiter Kurs folgen. Das ist die eine Seite von Wolgast.

Die andere ist dumpf und braun: Die rechten Parolen, die noch im Spätsommer an den Häuserwänden standen, hat die Stadt zwar überstreichen lassen. Doch die NPD macht auf dem Nährboden der sozialen Verwerfungen, die es im östlichen MV unzweifelhaft gibt, weiter Stimmung gegen die Asylbewerber. Nun hat die NPD angekündigt, am 9. November in einem abendlichen Fackelmarsch von 100 Rechten von der Innenstadt bis vor das Asylbewerberheim ziehen zu wollen. In jener Nacht vor 74 Jahren standen in Deutschland Synagogen in Flammen, jüdische Geschäfte wurden geplündert. Tausende Juden wurden in den Folgetagen festgenommen und in KZs verschleppt. Pfarrer Hanke empfindet den geplanten Marsch mit der martialischen Symbolik als reine Provokation. "Was die Rechten vorhaben, ist eine Unverschämtheit."

Vorurteile lassen sich durch Begegnungen abbauen, weiß auch Bürgermeister Stefan Weigler. Und deshalb verteidigt der 33-Jährige den umstrittenen Standort des Heimes in dem Plattenbaugebiet, in dem vor kurzem noch rechte Parolen an den Häuserwänden standen. "Die Entscheidung war richtig. Das Heim liegt mitten im Leben." Der Standort gewährleiste den Zugang zu Kindertagesstätten, Schulen, Ärzten und Supermärkten. Weigler ist zuversichtlich, dass die Integration der rund 200 Asylbewerber gelingen werde - auch wenn es für einen Großteil nur eine Integration auf Zeit sein wird. "Im Jahr 2006 kamen 650 Spätaussiedler aus Russland nach Wolgast", erinnert sich Weigler. Rund 350 sind bis heute geblieben.

Der 9. November, der Tag an dem die Rechten vor das Heim ziehen wollen, steht seit dem Mauerfall vor 23 Jahren auch für Freiheit und Demokratie. Ein Bündnis aus demokratischen Parteien und Vereinen will aus diesem Grund mit einer Lichterkette und einem Laternenumzug ein Zeichen gegen Rechts setzen. Der angekündigte NPD-Marsch macht dem Leiter des Asylbewerberheims, Jörg Wojciechowski, keine Angst. "Ich bin nicht nervös", sagt er. "Der Zuspruch und die Unterstützung von Wolgastern ist inzwischen so groß."

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