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Norddeutsche Neueste Nachrichten

20. Oktober 2017 | 12:48 Uhr

Jubiläum : Zwischen damals und heute

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Die Jüdische Gemeinde Rostock feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Ihr Vorsitzender Juri Rosov erinnert sich und blickt optimistisch in die Zukunft.

von
erstellt am 24.Apr.2014 | 17:00 Uhr

An der Wand hängen Bilder aus den vergangenen 20 Jahren – von Festen, von Gemeindemitgliedern, von Freunden. Auf dem Boden stehen Nachbildungen von Synagogen, in einer Vitrine Zeugnisse jüdischer Kultur. Die Thora ruht auf dem Tisch, auf dem Fensterbrett hat eine Menora ihren Platz gefunden. Juri Rosov sitzt auf einem Stuhl. Er erinnert sich. Es sind Erinnerungen aus den vergangenen zwei Jahrzehnten, aber auch Erinnerungen aus seiner Jugend. Als junger Mann hat er den Weg zur Religion gefunden. „Zu meinen Wurzeln“, wie er sagt.

Heute ist er Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Rostock. Am Sonntag feiert diese ihr 20-jähriges Bestehen. Grund genug, sich zu erinnern. „Eigentlich begann alles schon früher. 1991 kamen die ersten Einwanderer nach Rostock. Sie wollten die jüdische Tradition wiederbeleben“, sagt Rosov. Ein Jahr später gründeten sie die jüdische Landesgemeinde. „Im April 1994 wurde sie in die Gemeinden Rostock und Schwerin geteilt.“ Damit hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals wieder eine jüdische Gemeinde in Rostock formiert. „Es war die schmerzende Sehnsucht nach der eigenen Tradition. Sie war der Antrieb für die Gemeindegründung“, so Rosov. „Die Migranten kamen aus der Sowjetunion. Dort wurden jüdische Bräuche und Traditionen unterdrückt.“

Rosov selbst ist in einer russisch geprägten Gesellschaft aufgewachsen. In einer Kultur, in der die meisten das gelebte Judentum nur aus Erzählungen der Großeltern kannten. 1997 trat Rosov in die Jüdische Gemeinde Rostock ein, seit 2004 ist er ihr Vorsitzender. Dass die Gemeinde heute mehr als 620 Mitglieder zählt, sei unter anderem dem unermüdlichen Engagement der Gründungsmitglieder zu verdanken. „Einige haben sich den Aufbau der Gemeinde und der Synagoge zur Lebensaufgabe gemacht“, betont Rosov. „Das war eine schwierige Aufgabe, denn das jüdische Leben existierte faktisch nicht mehr in Rostock.“ Seit dem Ende der 90er-Jahre wurde versucht, regelmäßig Gottesdienste in der Synagoge zu organisieren. „Auch das war nicht einfach. Es mussten immer zehn jüdische Männer anwesend sein. Mittlerweile ist das kein Problem mehr. Viermal in der Woche wird ein Gottesdienst veranstaltet“, erzählt Rosov. Seit 2002 wird die Gemeinde durch den Landesrabbiner William Wolff unterstützt. „Er hat zu vielen Seelen und Herzen den Schlüssel gefunden. Er hilft uns sehr.“ Im Laufe der vergangenen 20 Jahre wurde die Gemeinde aber auch vom Land, vom Kultusministerium, von der Stadt und von Privatpersonen unterstützt. „Ein paar Meter von unserem heutigen Sitz in der Augustenstraße stand bis 1938 die größte Synagoge Mecklenburg-Vorpommerns. Wir sind der Gemeinde von damals einfach etwas schuldig“, sagt Rosov.

Bis 2006 stieg die Anzahl der Gemeindemitglieder kontinuierlich. Dann wurde das Einwanderungsgesetz geändert. Die Gemeinde begann zu schrumpfen. „Es ist kompliziert geworden, nach Deutschland zu kommen“, so Rosov. Doch die Gemeinde steht noch vor einem weiteren Problem: Nachwuchssorgen. „Wir müssen die goldene Mitte finden zwischen der offenen Welt von heute und der Wahrung von Tradition“, meint Rosov. Kulturelle Angebote für Kinder und Jugendliche gebe es genug. „Viele ziehen nach dem Abitur weg. Momentan beschäftigen wir uns mehr mit dem Altersheim als mit dem Kindergarten.“ Dennoch blickt Rosov optimistisch in die Zukunft: „Die Gemeinde lebt. Wir wollen auch noch ein 50. Jubiläum feiern. Ich bin zuversichtlich, dass das klappt.“

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