zur Navigation springen

Massengentest in Neubrandenburg : Zwischen Bangen und Normalität

vom

Seit Neujahr werden immer wieder Leichenteile einer Frau gefunden. Nun hat in Neubrandenburg ein Massengentest begonnen, der helfen soll, den Mörder zu finden.

svz.de von
erstellt am 29.Mär.2012 | 07:58 Uhr

Neubrandenburg | Am Ufer des Neubrandenburger Tollensesees ist es gestern menschenleer und ruhig. Ein Stück weiter, im Kulturpark, spazieren drei junge Frauen und füttern Enten. Eine von ihnen, Paulina B., schiebt einen Kinderwagen. Ein wenig Angst habe sie schon, in der Dunkelheit alleine in der Stadt unterwegs zu sein. "Im Sommer gehe ich abends noch raus, wenn es hell ist. Wie es allerdings in diesem Jahr wird, weiß ich noch nicht", gibt die 33-Jährige zu. Doch einschüchtern lassen möchte sie sich von dem Mordfall nicht. Auch Peggy, eine 16-jährige Schülerin aus Neubrandenburg, lässt sich vom Fund einer zerstückelten Frauenleiche nicht abschrecken, die den Ermittlern seit einem Vierteljahr Rätsel aufgibt. "Ich habe keine Angst", betont sie.

Anders ergeht es einer Rentnerin. "Man hört jeden Tag etwas über den Fund, da habe ich gemischte Gefühle", sagt sie. Doch um sich ein genaueres Bild zu machen, fuhr sie gestern zum Mühlenteich, um hier den Polizisten bei der Such-Aktion zuzuschauen. "Das ist doch erschreckend, ich gehe nachts nicht mehr alleine raus und bleibe zu Hause. Da ist es am sichersten."

Mit ihr am Mühlenteich stehen noch weitere Neugierige. Einer von ihnen ist Sebastian, ein junger Neubrandenburger, der erst vor wenigen Monaten hier angelte. "Es ist ja nicht abwegig, dass ein Fisch an einem Leichenteil knabbert. Deswegen werde ich erst einmal keinen Fisch aus dem Mühlenteich essen und wahrscheinlich auch nicht angeln", sagt er. Doch es interessiert ihn nicht nur, wie es den Tieren im Teich ergeht. "Mich macht der Mordfall nachdenklich, denn er passierte ja wahrscheinlich nur eine Ecke weiter." Einen Aufruf zum Massen-DNA-Test, der gestern in Neubrandenburg beginnt, habe er nicht bekommen, weil er noch zu jung ist.

Test dauert bei jedem gerade einmal fünf Minuten

Einer der ersten Neubrandenburger, der dem Aufruf der Polizei nachkommt, ist Heinz Ruddart. Am Montag habe er die freiwillige Einladung, so wie 9000 weitere Neubrandenburger Männer, die zwischen 50 und 70 Jahre alt sind, bekommen. "Ich möchte helfen, denn der Kerl soll gefasst werden", sagt der 70-Jährige. "Der soll für diese schlimme Tat eine gerechte Strafe bekommen."

Die Gentests im Gebäude des Polizeipräsidiums und in einem Club der Volkssolidarität seien seit dem Vormittag im vollen Gange, sagte ein Polizeibeamter. Die Proben sollen mit den DNA-Spuren verglichen werden, die die Ermittler an Plastiktüten sicherten, in denen die Leichenteile transportiert worden waren. Die Beamten erwarten auch heute und morgen Freiwillige.

Bei der Volkssolidarität haben sich fünf Teams der Kriminalpolizei an jeweils einem Tisch eingerichtet. Nach Polizeiangaben wird jeder Proband belehrt, bevor ihm ein Beamter mit einem Wattetupfer an der Wangeninnenseite entlang streicht und damit Körperzellen aus der Mundschleimhaut entnimmt. Anschließend wird ein Protokoll unterzeichnet. "Das dauert bei jedem vielleicht fünf Minuten", sagte Harry Jannermann von der Kriminalpolizeiinspektion.

Wie bei der Suche nach dem Kopf der Frauenleiche weiter verfahren wird, ist noch unklar. "Die Entscheidung steht noch aus", sagte Staatsanwältin Komning. Für die Suche im Mühlenteich, auf den die Ermittler Hoffnungen setzten, müsste das Wasser abgelassen werden.

Der Wasserspiegel ließ sich am Mittwoch aber nicht so weit senken, dass der Teichgrund sichtbar wurde. Einsatzkräfte in Wathosen und Taucher stiegen ins trübe Wasser. "Ein engmaschiges Suchen war nicht möglich", sagte Komning. Nun spielt die Polizei verschiedene Varianten durch, wie im Teich doch weitergesucht werden kann.

Der grausame Leichenfund ist überall in der Stadt Gesprächsthema, auch im Seerestaurant Augusta’s am Tollensesee. Viele Besucher unterhalten sich darüber, so Kay Eßmann, der zusammen mit Ingo Rotzoll das Restaurant betreibt. Dass das Café aber nun weniger besucht werde, sei nicht der Fall. "Wir gehören zum Tollensesee, aber die Leichenteile wurden an einem anderen Strandabschnitt gefunden. Deswegen befürchten wir keine Einbußen." Mit reichlich Optimismus gehe es also in die neue Saison, betont der Inhaber und hofft auf mindestens so viele Gäste wie im Vorjahr. Zuversichtlich sind auch die Mitarbeiter des Augustabads, die Vorbereitungen für die neue Saison laufen bereits.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen