zur Navigation springen

Pflegschaften : „Zweite Familie kann Chance für ein Kind sein“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Grit Gaida und ihre acht Kollegen vermitteln Pflegschaften. Patentrezepte gibt es nicht, dafür viele Unwägbarkeiten

svz.de von
erstellt am 26.Feb.2016 | 12:00 Uhr

In einer Familie soll ein Kind Urvertrauen lernen, Sicherheit erfahren. Doch nicht immer geht das. Wenn Eltern nicht mehr hinlänglich für ihre Kinder da sein können, kommt das Jugendamt ins Spiel. Die Fallmanager können Erziehungsbeistand vermitteln, Familienpflege oder -hilfe oder auch eine Pflegefamilie empfehlen. „Diese zweite Familie kann eine Chance für ein Kind sein“, sagt Grit Gaida. Die Pädagogin leitet das Pflege-Familien-Zentrum von der Caritas. Zusammen mit acht Kollegen vermittelt und betreut sie Pflegefamilien. Vor acht Jahren wurde die Caritas vom Jugendamt mit der Aufgabe betraut. Bei einer Pflegschaft behalten die leiblichen Eltern das Sorgerecht. Es ist als Hilfe gedacht, wenn Krankheit, psychisch wie körperlich, oder die Umstände es nötig machen. „Offen bleibt, wie lange das Kind in der Pflegefamilie bleibt“, sagt Gaida, wann und ob die leiblichen Eltern es schaffen, das Kind wieder voll bei sich zu haben.

Für die Pflegefamilien bedeutet das: Unsicherheit. „Wird es eine kurze Pflegschaft oder dauerhaft“, sagt Gaida, das wüssten die potenziellen Pflegeeltern vorher nicht. „Die Frage ist: Kann man mit Unwägbarkeiten umgehen?“, sagt die 41-Jährige, die selbst dreifache Mutter ist. Sie würden viel mit den Anwärterfamilien reden über Biografie, Ansichten, Motivation. Eine Pflegschaft ist keine Adoption.

Was sind gute Gründe, sich als Pflegefamilie bereit zu erklären? – „Es kann ein gesellschaftliches Denken sein, etwas tun zu wollen, um der Gesellschaft zu helfen, auch den leiblichen Eltern des Kindes“, sagt Gaida. Sie arbeitet auch selbst als Vermittlerin. „Jeder tickt anders. Es gibt nicht ,die‘ Pflegeeltern.“ Grundsätzlich suchen sie Eltern für ein Kind, nicht umgekehrt. Es kann auch sein, dass es zwar Pflegefamilien gibt und zu vermittelnde Kinder, sie aber nicht zusammenpassen. Ein Beispiel: Für ein fünfjähriges Mädchen und einen mehrfach schwerstbehinderten Säugling kommt wahrscheinlich nicht die gleiche Familie infrage.

Aktuell begleitet das Zentrum 115 Pflegefamilien, vier Frauenpaare, ein Männerpaar, zehn Prozent Alleinerziehende. Drei Viertel haben Kinder, meist schon große. Die Pflegefamilien kommen aus allen Berufsgruppen. Ein Großteil sei 40 bis 45 Jahre alt, „häufig Leute, die schon größere Kinder haben, die aus dem Haus gehen“, sagt Gaida. Aber sie und ihre Mitarbeiter vermitteln auch an Ältere. Ein Beispiel: „Beide waren über 60, sie Lehrerin. Sie standen im Leben und hatten Zeit“, erinnert sie sich. „Sie brachten Dinge mit, die für ein bestimmtes Kind gut sein können.“ Das bestimmte Kind war ein achtjähriger Rostocker. „Seine Mutter hatte eine Alkoholkrankheit entwickelt. Er musste viel allein bewältigen, hing aber sehr an ihr.“ Sie kam in die Klinik und es war klar: Sie wird nicht auf Dauer für ihn da sein können. „Wir haben eine Familie gesucht, die akzeptieren kann, wie sehr er seine Mutter braucht, die sie auch akzeptiert und schätzt.“ Da kam das reifere Paar ins Spiel. „Heute ist er seit drei Jahren bei ihnen. Die beiden fangen an, Kontakt zum leiblichen Vater aufzunehmen, der vorher nicht bestand.“ Sie werden nicht immer für ihn da sein können und möchten aber, dass er immer eine Familie hat. Geburtstage feiern sie mit ihm, seiner Mutter und seinem Opa, der beruflich sehr eingebunden ist. „Das ist schön zu sehen“, sagt Gaida.

Hintergrund:

Das Zentrum der Caritas sucht Pflegefamilien – Menschen, die gern mit Kindern zusammen sind, respektvoll, stresserprobt.

Der Weg zur Pflegefamilie: Kontaktaufnahme  – persönlich, telefonisch oder über Infoabende; Vorgespräch; dreimonatiger Kurs (immer donnerstags)  – Kennenlernen von erfahrenen Pflegefamilien; individuelle Bewerbergespräche; Hausbesuch (Kennenlernen des Umfeldes, etwaiger Kinder in der Familie); Gespräch zwischen potenziellen Pflege- und leiblichen Eltern; erster Kontakt zum Kind

Notwendig: erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, Gesundheitszeugnis, Einkommensnachweis 

Finanzen: Im Normalfall bekommen Pflegefamilien 700 Euro für den Unterhalt des Kindes.

Kontakt: Pflege-Familien-Zentrum, Kröpeliner Straße 16, Telefon: 0381/87 73 62 10

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen